Archive for Juli, 2005
Vor fast drei Tagen habe ich Orpheus verlassen. Seit mindestens 10 Jahren denke ich darüber nach, träume ich davon. Es ist wahrscheinlich das einzige, was Orpheus nicht von mir weiß. Außer dem Sparbuch, das ich regelmäßig mit Haushaltsgeld gefüttert habe. Das war nicht einfach. Orpheus wollte immer genau wissen, wofür ich das Geld ausgegeben habe. Aber er war auch großzügig. Ich konnte mir kaufen was ich wollte. Ich habe einen kleinen Koffer gepackt, nur mit den nötigsten Sachen, meine Dokumente, mein Sparbuch, ein paar Kleidungsstücke. Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin nach Wien gefahren. Dort habe ich mich beim Südbahnhof mit dem Mann getroffen, der mein Auto gekauft hat. Ich habe kein Auto mehr. 10.000 Euro habe ich bekommen, bar auf die Hand. Wir haben einen Kaufvertrag unterschrieben. Der Mann will sich um alle Formalitäten kümmern. Das ist ein Glück. Ich habe davon keine Ahnung. Es interessiert mich auch gar nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich einen guten Preis bekommen habe. Ich hoffe, dass ich mit diesem Geld eine Weile leben kann. Ich muss viel nachdenken.
Juli 23rd, 2005
Hatten Sie Streit?“ fragte der Polizist. `
„Nein.“
Im Gegenteil. Sie hatten sich geliebt. Eine halbe Nacht lang, und das nach gut 20 Ehe-Jahren. Orpheus hatte sich wieder einmal verausgabt, hatte in dieser Nacht nicht genug bekommen können. Diese wunderschöne Frau. Wie sie vor ihm dalag, sich unter seinen Berührungen seufzend hin und her wand. Er wusste ganz genau, wie er sie befriedigen konnte. Und er machte nicht Schluss, bevor es ihm nicht gelungen war. Nie. Es gehörte einfach zu seiner Vorstellung von sich selbst, seine Frau bis zum Höhepunkt zu bringen. Sie konnte ihm nicht entkommen. Sie flehte ihn sogar an, weiterzumachen.
Juli 23rd, 2005
Textprobe Eins:
Orpheus stützte seinen Kopf auf die linke Hand. Er war niedergeschlagen. „Darf ich rauchen?“ fragte er den Uniformierten, der ihm auf der anderen Seite des Tisches gegenübersaß. Der rückte gnädig einen blitzblanken Aschenbecher vor Orpheus hin und schaute ihm mitleidig ins verweinte und von Schlaflosigkeit zerfurchte Gesicht. „Seit wann ist Ihre Frau verschwunden?“ „Seit drei Tagen,“ sagte Orpheus und schüttelte unablässig den Kopf, als könne er es immer noch nicht glauben. Weiterlesen
Textprobe 2
Natürlich hatten sie Streit gehabt vor dieser Liebesnacht. Aber das ging diesen Polizisten ja nichts an. Weiterlesen
Textprobe 3:
Ich habe es wirklich getan. Ich kann es noch gar nicht glauben. Weiterlesen
Juli 23rd, 2005
Sie versuchte, es sich in der beginnenden Dämmerung gemütlich zu machen. Duftkerze. Heizung raufdrehen. Eine CD mit den schönsten Opernarien. Wenig Licht. Der Schein der Leselampe neben der Wohnzimmer-Couch fiel direkt auf die glänzenden Bilder des handlichen Folders. Mit der Schönheit auf Du und Du. Eine ferne bunte Welt strahlte in Ingrids Gedanken. Ingrids erster Eindruck war nicht falsch gewesen: Es war tatsächlich eine Art Reisebroschüre. Die Werbung für ein Luxus-Hotel auf Mallorca, besser gesagt eine „Beauty-Farm“, irgendwie wie für Tiere – Ingrid musste erstmals seit Wochen über einen eigenen Gedanken lächeln. Nur die erlesensten Spezialisten der ästhetischen Chirurgie übten dort ihr Handwerk aus, gut gebräunte freundliche Chirurgen mit weißen Haaren. Männer, die entfernt an naturverbundene Cowboys erinnerten. Menschliche Körper waren als ästhetische Kunstwerke abgebildet, für die eben gewissen Normen gelten. Außer Form war keine der zur Schau gestellten Personen. Nicht zu dick, nicht zu dünn. Nicht zu alt. Wenn schon alt, dann zumindest nicht einschätzbar. Glücklich und selbstbewusst lächelnde Frauen. Neben den Frauen gut situierte reife Männer oder jugendliche Liebhaber mit Blumensträußen.
Juli 23rd, 2005
Nach dem Kartenspielen ging er lieber nach Hause als zu fragen, ob sie noch „zusammen ein Achterl trinken“ wollten. Ingrid war nicht besonders initiativ in Liebesdingen. Sie überließ ihm üblicherweise gerne die Entscheidung. Das, was sie wollte, bekam sie von ihm – Gesellschaft, ein wenig unverbindliche Zärtlichkeit, Freundschaft. Alles darüber hinaus, das konnte, musste aber nicht sein. Aber diesmal. Sie wollte wissen, ob sie ihn erregen konnte, trotz drohender Kleidergröße 48.
Sie lachte sehr viel an diesem Abend. Denn sie erinnerte sich. Es war immer ihr Lachen gewesen, das ihn antörnte. Hatte er zumindest behauptet. Sie neckte ihn beim Kartenspielen und warf ihm zwischendurch einen Blick zu, der nicht die übliche Frage enthielt „Hast du noch ein As im Ärmel?“ Ingrid hatte eine schöne Bluse angezogen. Eine, die ihren riesigen Busen noch betonte. Etwas knapp, gerade noch Größe 46. Noch. Es gab nichts herumzudeuteln. Sie war einfach rundherum dick. Die obersten Knöpfe standen offen. Und Ingrid hatte eine Flasche Rotwein auf den Tisch gestellt, scheinbar zwanglos.
Er hatte nur Augen für seine Karten. Wie müde er sei, erwähnte er so nebenbei, zwischendurch. Aber Ingrid ließ nicht locker. Nach zwei Stunden Jolly schenkte sie sich das dritte Achterl ein und sagte „Eigentlich hätte ich Lust auf etwas anderes.“ Reinhard vermied es, ihr in die Augen zu schauen, konzentrierte sich auf sein Blatt. Ingrid stand auf, umarmte ihn von hinten. „Komm schon, wir haben doch schon so lange nicht mehr…“ Er sei müde, wiederholte Reinhard entschuldigend. Legte die Karten verdeckt auf den Tisch und ließ seinen Kopf gegen ihren Bauch zurück sinken. Seine Hände hingen kraftlos und untätig herab. Sie streichelte sein Gesicht, seine Haare, seinen Oberkörper.
Juli 23rd, 2005
Alles begann, als Ingrid nicht mehr richtig in Kleidergröße 46 passte. Sie stand in der Umkleidekabine eines großen Kaufhauses, auf einen Quadratmeter Boden gepfercht. Vor einem Spiegel, der ihrem Körper kein Geheimnis ließ. An den Haken die bequemen Hosen mit den Gummizügen um die Mitte und viel Spielraum rund um Po und Schenkel. Größe 46, extra kurz - wie immer. Doch es war nicht wie immer. Der Gummizug spannte um ihren Bauch, und die Hose lag eng im Schritt. An Niedersetzen gar nicht zu denken. Die Nähte würden sofort platzen. Ingrid nahm die zweite Hose vom Haken, ein neuer Versuch. Sie vermied es, sich selbst im Spiegel zu betrachten, nur so in der Unterhose, die fast unter ihrem dicken Bauch verschwand, ein Stückchen weißer Stoff in einer Masse von Fleisch. Ihre Schamhaare wucherten entlang der Schenkel-Innenseiten. Rasier dich doch, sagte ihre Tochter immer. Wie sieht denn das aus!
Ingrid zog die zweite Hose hoch, schwarz mit dezenten weißen Längsstreifen, dehnbares Material. Sie stopfte sich samt Po und Schenkeln in die zweite Hose Größe 46, der Gummizug ließ viel Spielraum für den Bauch, jedoch nicht genug. Er drückte sich beängstigend ins Fett. Von Wohlfühlen keine Spur. Schnell wieder raus aus dieser Hose, auf einem Quadratmeter war dazu die Artistik eines Schlangenmenschen nötig!
„Passt die Größe?“ säuselte vor der Kabine die Verkäuferin erwartungsvoll. Ingrid schwitzte. Die Bewegung in der engen Kabine strengte sie an. Sie wollte nicht dauernd irgendwo anecken, nicht das peinliche Gefühl haben, zu dick für diesen kleinen Raum zu sein.
Juli 23rd, 2005
Textprobe1
Ingrid hat immer gern gelacht. Mit 60 hatte sie ein rundes Gesicht, Lachfalten und unkomplizierte weiße Haare. Weiterlesen
Textprobe 2
Sie nahm sich vor, Reinhard zu verführen, gleich am selben Abend. Es stimmte, in letzter Zeit hatte er wenig Begehrlichkeit gezeigt. Weiterlesen
Textprobe 3
Zuhause studierte Ingrid die Broschüre, die ihr Roberta mitgegeben hatte. Weiterlesen
Juli 23rd, 2005
Hundeleben (Die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs aus der Perspektive eines Stofftieres. Erschienen 2008)
Außer Form (Die Geschichte der 60-jährigen Ingrid, die sich immer stärker in den Jugendlichkeits- und Schönheitswahn verstrickt)
Juli 23rd, 2005
Es war ja auch nur eine Belanglosigkeit gewesen. Das Fernsehprogramm. Mathilde hatte sich geweigert, mit ihm eine Reportage über die weibliche Lust anschauen zu wollen. Sein Lieblingsthema. Er wäre gespannt gewesen, ob für ihn noch neue Erkenntnisse aus Medizin und Psychologie dabei gewesen wären. Er war ein Mann, der sich mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzte. Das kam ihr doch zugute, wenn sie wieder Eurydike war. Er verstand nicht, warum sie sich wehrte. Es interessiere sie nicht, sagte sie, stand sogar auf und ging in ihr Arbeitszimmer! Um zu lesen! Er solle die Sendung allein anschauen, hatte sie kaltschnäuzig gemeint. Ihr Buch sei gerade so spannend. Wie konnte sie ein Buch diesem Thema vorziehen! Ihm, Orpheus, vorziehen! Sicher, es war ungerecht von ihm gewesen, ihr vorzuwerfen, dass sie eine verklemmte, gehemmte Frau sei. Das war sie nicht, das wusste er. Mit keiner einzigen Frau, die er je gekannt hatte, konnte er beim Sex so hemmungslos sein.
Juli 23rd, 2005