“Entfernung” - meine Eindrücke vom neuen Streeruwitz-Roman
August 20th, 2006
Es gab Momente, in denen ich dieses Buch entnervt weglegte und lieber ins Schwimmbecken sprang oder im Restaurant einen Kaffee bestellte. Aber das Buch wirkte nach. Ich nahm jede meiner Handlungen, jedes noch so kleine Detail meiner Umgebung plötzlich intensiver wahr. Verfolgte das Herzklopfen beim Eintauchen ins kalte Wasser, die kleinen Wellen, die das Wasser um meinen Körper schlug. Ich nahm das Geräusch stärker wahr, mit dem der Kellner das Tablett mit dem Kaffee auf den Tisch stellte, oder die Floskeln, die man austauscht bei Begegnungen mit entfernten Bekannten. Ich verfing mich in einer Art übertriebenem Beobachtungs-Wahnsinn meines eigenen momentanen Da-Seins.
Minutiös beschreibt Marlene Streeruwitz in „Entfernung“ einen Tag im Leben der frisch gekündigten und auch noch vom Lebensgefährten verlassenen Kulturmanagerin Dr. Selma Brechthold. Gerade diese minutiös geschilderten Details sind es, die den Eindruck der Gefangenheit vermitteln. Gefangenheit in automatisierten Abläufen (etwa am Flughafen), Gefangenheit in ihrer aktuellen Lebenssituation (z.B. Kündigung), Gefangenheit in globaler Bedrohung (Terrorismus in London). Da bleibt kein Raum zum Atmen. Und so geht vielen Sätzen von Marlene Streeruwitz auch die Luft aus, sie bleiben abgehackte, nervende Fragmente.
Gleichzeitig war ich von der Lektüre gefesselt, immer wieder – in einer Art literarischem Masochismus – las ich weiter, doch wissend, dass sich bis zum Ende der 475 Seiten keine gute Wende für Selma Brechthold ergeben würde. Chancen eröffnet Streeruwitz ihrer Titelheldin keine. Im Gegenteil: Ich war erschüttert, in welch schier kindliche Gedanken, Verhaltensweisen und Gefühle die Autorin ihre - bis noch vor wenigen Tagen erfolgreiche - alternde Karriere-Frau zurückfallen ließ. Etwas überzeichnet kam mir das schon vor, auch wenn ich vieles wiedererkannte von mir selbst. Es bedarf jedenfalls eines starken Willens, um bei der Lektüre neben der Titelfigur nicht auch gleich selbst unterzugehen.
Zitate aus internationalen Buchkritiken

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