“Lasse meine Figuren durchs Leben stolpern”

August 22nd, 2006

Kürzlich haben Sie Ihren Erzählband „Höhlenfrauen“ im Verlag Milletre veröffentlicht. Was bedeutet das „erste Buch“ für eine junge Schriftstellerin? Erfüllung eines langjährigen Traumes, Abschluss einer Schaffensperiode, neue Motivation - oder Schaffenspause?
Gertraud Klemm: Alles ist richtig außer die Schaffenspause. Es ist ein unheimlich gutes Gefühl, endlich sein eigenes Buch in der Hand zu halten, es weitergeben zu können, zu signieren… so etwas wie der materielle Beweis für die Leistung, die man erbracht hat. Jetzt kann ich mich wieder voll auf meinen Roman konzentrieren.

Wie sind Ihre Erfahrungen beim Finden eines Verlages? Junge unbekannte AutorInnen haben es da wohl schwerer als etablierte, gerade in der heutigen Zeit, die sich verstärkt am Verkaufserfolg orientiert.… Braucht man Beziehungen oder genügt auch die Vorlage eines interessanten Textes?
Klemm: Es ist sehr schwer. Man sollte sich auf Rückschläge einstellen. Beziehungen sind sicher gut, aber nur, wenn das Manuskript was taugt. Ich hatte keine Beziehungen und habe mitunter Glück gehabt. Bevor man zu Schreiben beginnt, sollte man sich fragen: wer soll den Text lesen? Spricht das Thema irgendjemanden an? Verlage stellen sich die selben Fragen - so ein Buch soll sich ja verkaufen. Wichtig ist auch, dass man vorsichtig ist; es gibt eine Menge unseriöser Pseudoverlage, die sich an den Autoren bereichern. Wer einfach nur sein Buch in Händen hält, es unter Freunden und Verwandten verteilen will und keine schriftstellerische Karriere anstrebt, ist sicher mit book on demand oder Eigenverlag gut bedient. In meinem Fall hat es sicher nicht geschadet, dass ich schon ein paar Preise gemacht habe; damit weckt man das Interesse der Lektoren. Milletre ist ein kleiner Verlag - aber ich bin sehr zufrieden. Mir war klar, dass ich mit einem Erzählband nicht bei dtv oder Suhrkamp debütieren werde.

Ihre Höhlenfrauen-Erzählungen scheinen mir zwischen Alltäglichkeit und Absurdität zu pendeln. Mit lakonischem, manchmal fast flapsigem Stil beschreiben Sie gelegentlich auch Grenzerfahrungen. Gibt es so etwas wie ein General- oder Lebensthema, das Sie mit Ihrem Schreiben ausdrücken wollen?
Klemm: Ich schreibe gerne über das Minenfeld der menschlichen Beziehungen. Und ich unterhalte gerne. Und ich lasse meine Protagonisten gerne durchs Leben stolpern - das fällt mir leicht, weil ich selber so patschert bin. Aber ein richtiges Lebensthema habe ich weder im Leben noch im Schreiben.
In meiner Schublade sind ein paar Konzepte, unter Anderem ein utopischer Roman über Kärnten - das wäre dann ein politisches Statement. Aber der ist erst nach dem Frauenroman dran.

An sich sind Sie ja Biologin, also naturwissenschaftlich orientiert. Und doch hat Sie die Muse geküsst…
Klemm: Die hat mich schon früh geküsst, aber ich habe immer den Kopf weggedreht.. geschrieben habe ich immer, aber nie ernsthaft. Biologie, dachte ich mir, ist mein Brotberuf, das Musische spare ich mir für die Freizeit. Es ist ein tolles Studium und bereichert mein Wissen ungemein, und ich habe gerne als Biologin gearbeitet. Aber es nicht das, was ich wirklich gut kann. Meine Gutachten waren immer ein bisschen prosaisch - sehr zum Leidwesen meines Chefs.

War es ein Zufall, dass die Veröffentlichung Ihres ersten Buches mit der Gründung des Literaturforums „Wortreich“ zusammenfiel? Was hat Sie zu „Wortreich“ bewogen?
Klemm: Ja, ein totaler Zufall. In der Zeit fiel alles mögliche zusammen. Ich wollte mich in Baden mit Gleichgesinnten austauschen und habe niemanden gekannt. Meine Wiener Gruppe ist toll und hat ein hohes Niveau, aber ich wollte wissen, ob es in meiner Nähe Ähnliches gibt. Der Zustrom war gewaltig.

Wie läuft’s bei Wortreich? Können noch neue Leute mitmachen?
Klemm: Wir treffen uns vierteljährlich und tauschen uns aus - da kann noch jeder mitmachen. Dann gibt es zwei Autorinnengruppen (komischerweise sind keine Männer dabei), die miteinander ihre Texte diskutieren - die sind voll. Infos gibts über e-mail unter wortreich06-autorengruppe@yahoo.de

Entry Filed under: baden, interview, kultur

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