Eine Rede, die provozierte…

Mit einer Auf­se­hen erre­gen­den Rede sorgte der Präsi­dent der Jüdis­chen Gemeinde Baden für viel Gesprächsstoff bei der Gedenk­feier zum Novem­ber­pogrom (9. Novem­ber 1938). Im Inter­view erzählt er, worum es ihm dabei ging.

Die Gedenk­feier im Ver­anstal­tungssaal der ren­ovierten Syn­a­goge war bestens besucht. Ändert sich etwas am öffentlichen Bewusst­sein zum Holo­caust?
MMag. Thomas Schärf: Der gute Besuch hatte zwei Gründe: Zum einen wurde eine Fotoausstel­lung der bekan­nten Badener Fotografin Sophie Lesch eröffnet, das hat Inter­esse aus Baden erzeugt. Ein Gut­teil der Gäste war aber nicht aus Baden. Allein 100 Per­so­nen waren von einem mit uns kooperieren­den Pro­jekt für Lehrer. Bgm. Breininger ließ sich lei­der zwei Tage vor der Ver­anstal­tun­gen entschuldigen, was wir bedauert haben.

Es waren aber sehr viele ÖVP-Poli­tik­erIn­nen vertreten…
Schärf: Sophie Lesch ist ÖVP-Gemein­derätin. Man kann da nur sehr schwer tren­nen, wieviele wegen ihr kamen und wieviele ein Zeichen der Sol­i­dar­ität, ein Zeichen der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung set­zen woll­ten. Da will ich keine Schlüsse ziehen.

Fühlt sich die jüdis­che Gemeinde in Baden akzep­tiert?
Schärf: Nein. Wir wer­den immer noch als eine Art Fremd­kör­per wahrgenom­men. Aber immer­hin sind wir durch die ren­ovierte Syn­a­goge wenig­stens optisch präsent.

Welche Sig­nale fehlen Ihnen zur vol­len Akzep­tanz?
Schärf: Ich hätte mir — beispiel­sweise angesichts der jüng­sten Hak­enkreuz-Schmier­ereien auf die Syn­a­goge — eine klare Stel­lung­nahme des öffentlichen Badens, der Stadt, gewün­scht. Das ist nicht erfolgt. Es gibt hier immer noch eine nicht unbe­trächtliche Anzahl von Men­schen, die sich weigern, unser Haus zu betreten.

Worauf haben Sie denn in Ihrer viel beachteten Rede zur Gedenk­feier am 9. Novem­ber hingewiesen?
Schärf: Ich habe daran erin­nert, wie lange es gedauert hat, bis die Ren­ovierung der Syn­a­goge möglich gewor­den ist.. Ich habe außerdem darauf hingewiesen, dass wir aus den Mit­teln der Stadt kein­er­lei Kul­tur­förderung für unsere Ver­anstal­tun­gen bekom­men. Von den Finanzfra­gen abge­se­hen, ist mir durch­wegs bewusst, dass man mit einer Unter­stützung der jüdis­chen Gemeinde in dieser Stadt keine neuen Wäh­ler­grup­pen auf­tut. Ganz im Gegen­teil. Es stellt sich aber die Frage, ob realpoli­tis­ches Denken immer oppor­tun ist, oder nicht auch Men­schlichkeit Platz fassen kann. Uns tun auch sehr kleine Gesten gut.

Gab es unmit­tel­bare Reak­tio­nen auf Ihre Rede?
Schärf: Ich habe im Anschluss mit ÖVP-Stad­trat Hornyik, der zunächst sehr irri­tiert war, ein äußerst pos­i­tives, men­schliches Gespräch führen kön­nen, in dem ich ihm unsere Posi­tion und Sit­u­a­tion dar­legen kon­nte. Dieses Gespräch orte ich als pos­i­tives Sig­nal, dafür hat es sich gelohnt die Dinge anzus­prechen. Manch­mal braucht es schein­bar zuerst eine Auseinan­der­set­zung, damit zwei Parteien an einem Tisch zu sitzen kom­men.

Hat die — 68 Jahre nach dem Novem­ber­pogrom — immer noch schwe­lende Ablehnung gegenüber dem Juden­tum nicht auch mit dem Ver­hal­ten der Israelis gegenüber den Palästi­nensern zu tun?
Schärf: Gegen­frage: Wer macht die Chris­ten hierzu­lande ver­ant­wortlich für das, was in Irland oder Tschetsche­nien passiert? Angesichts der zunehmend beängsti­gen­den poli­tis­chen Entwick­lun­gen — man betra­chte nur die Lage in Deutsch­land und Frankre­ich — ist für uns Juden Israel abseits der religiösen Bedeu­tung vor allem auch noch jenes Land, in dem wir let­ztlich Sicher­heit und Zuflucht finden kön­nen. Was nicht heißt, dass man zur Lage im Nahen Osten, nicht die unter­schiedlich­sten Posi­tio­nen ein­nehmen kann.
 

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