“Mein Leben ohne Auto”
Dezember 20th, 2006
Vor einem Jahr wurde das Auto von Christine Reiner kaputt. Die Mindestpensionistin entschloss sich, keines mehr nachzukaufen. Über ihr Leben ohne Auto sprach die 62-jährige Badenerin
Kommt man in Baden und Umgebung ohne Auto zurecht?
Christine Reiner: Ja. Viele Leute glauben, auf das Auto nicht mehr verzichten zu können. Aber es ist wirklich möglich. Ich habe mein Auto in diesem Jahr keine Sekunde lang vermisst.
Wie kommen Sie herum?
Reiner: Ich benutze den City-Bus, die öffentlichen Verkehrsmittel, und wenn es mal gar nicht anders geht, ein Taxi. Das ist immer noch billiger, als ein Auto zu erhalten. Obwohl ich finde, dass die Taxis in Österreich viel zu teuer sind.
Wie machen Sie das mit dem Einkaufen?
Reiner: Weil ich in der Braitnerstraße wohne, habe ich Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe. Ich gehe zu Fuß hin, mit einem Einkaufswagerl. Schwer tragen kann ich nicht mehr. Ich habe fünf Kinder großgezogen und meine Wirbelsäule ist entsprechend bedient.
Haben Sie neue Erfahrungen gemacht?
Reiner: Es gibt schon einiges, was einem das Leben als Fußgängerin erleichtern würde. Mehr Greißler zum Beispiel, aber diese Strukturen wurden ja zerstört. Mir fällt auch auf, welchen Gestank die Autos produzieren. Und mir fällt auch auf, dass viele Fußgängerübergänge in Baden sehr schlecht beleuchtet sind. Das ist ein ziemliches Sicherheitsrisiko. Bessere Beleuchtung würde sich generell auf das Sicherheitsgefühl auswirken. Ein positives Beispiel ist die neue, freundliche Beleuchtung in der Braitnerstraße. Seit wir die hier haben, gibt es zum Beispiel keine Vandalenakte mehr. Angenehmes Licht wirkt erwiesenermaßen positiv auf die Psyche.
Und wie zufrieden sind Sie mit dem Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln?
Reiner: Das Angebot ist mangelhaft. Ich würde viel mehr Geld in die Öffis investieren und kleinere Busse verwenden. Es gibt so viele neue Kreisverkehre, da kommen die großen Busse gar nicht um die Kurven, zum Beispiel beim Badener Bahnhof. Die Fahrpläne sind viel zu unflexibel. Der Citybus in Baden stellt schon um 7 Uhr abends seinen Betrieb ein. Ich würde die Öffis generell gratis machen.
Wer soll denn das bezahlen?
Reiner: Man würde sich staatlicherseits hohe Gesundheitskosten wegen der großen Luftverschmutzung und der Unfälle durch die Autos ersparen. Man bräuchte weniger neue Straßen und Straßenreparaturen. Volkswirtschaftlich wären kostenlose Öffis sicher ein Gewinn. Allein der Diesel schädigt extrem die Nieren, eines der wichtigsten menschlichen Organe. Und wenn es schon Autos gibt, sollten sie umweltfreundliche Energie verwenden. Konzepte gibt es ja genug, nur verschwinden die in den Schubladen der Auto-Lobby.
Was haben Sie dadurch persönlich gewonnen, dass Sie aufs Auto verzichten?
Reiner: Ich wurde gelassener, der Stress baut sich leichter ab. Ich erspare mir auch finanziell viel. Ich bin auch umweltbewusster geworden und habe weniger Unfall-Risiko. Ich habe einfach ein gutes, sauberes Gefühl bekommen. Außerdem lerne ich in den Öffis viele neue Leute kennen. Kommunikation ist in unserer Zeit das Wichtigste.
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