Echte Integration kostet Geld!”

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Dr. Otmar Rych­lik

Der türkisch-islamis­che Vere­in Atib will im Raum Castelligasse/Wolfstraße eine Moschee mit Kul­turzen­trum erricht­en — mit Kup­pel und zwei 15 Meter hohen Minaret­ten. Es soll ein „Kunst­werk“ wer­den, sagt Pro­jek­t­man­ag­er Self­et Yil­maz. Dazu ein Gespräch mit dem Vös-lauer Kun­st- und Kul­turhis­torik­er Dr. Otmar Rych­lik.

Wie sehen Sie, Herr Dr. Rych­lik, das Moschee-Pro­jekt? Ist es ein Kunst­werk, kann es eine Aufw­er­tung für Bad Vös­lau sein?
Dr. Otmar Rych­lik: Wie an dem mehrfach veröf­fentlicht­en Entwurf der Fas­sade erkennbar, han­delt es sich aus ästhetis­ch­er Sicht um eine höchst frag­würdi­ge Mis­chung aus islamis­chem His­toris­mus und west­lich­er Super­mark­tar­chitek­tur. Wäre die geplante Moschee tat­säch­lich ein ernst zu nehmendes Kunst­werk, müsste sie ein Zeichen der Zeit sein, also ein Bauw­erk, das inte­gra­tive Absicht­en jen­seits von religiösem Fun­da­men­tal­is­mus und west­lichem Kon­sum­fetis­chis­mus sig­nal­isiert. Epigo­nen­tum und Tra­di­tion­al­is­mus sind immer ein Hin­weis auf reak­tionäre Entwick­lun­gen — und es gibt heute in den poli­tisch mus­li­men Gesellschaften keine freie Entwick­lung der Kun­st. Salman Rushdie wird für seine „satanis­chen Verse“ offiziell mit dem Tod bedro­ht. Die per­sis­che Kün­st­lerin Shirin Neshat kann sich nur in New York mit der Rolle der Frau im Islam beschäfti­gen — in ihrer Heimat wäre sie dafür schon gesteinigt wor­den. Mod­erne islamis­che Kun­st und Architek­tur kann heute auss­chließlich nur in den west­li-chen Demokra­tien stat­tfind­en — da sollte der Vere­in Atib anschließen.

Was stört Sie an der Optik der in Bad Vös­lau geplanten Moschee? Für die größte Erre-gung in der Bevölkerung sor­gen zur Zeit ja die Minarette…
Rych­lik: Die geplante Architek­tur stellt einen bewussten Rück­griff auf die Tra­di­tion des Islam dar. Das Kup­pel­mo­tiv geht auf die Hagia Sophia in Istan­bul zurück, eine christlich-byzan­ti­nis­che Kirche aus dem 6. Jahrhun­dert, die vom Islam okkupiert wor­den ist. Die Kup­pel ver­weist also auf den bluti­gen Sieg des Islam über das Chris­ten­tum des Vorderen Ori­ents. Man sollte sich solch­er Sym­bole enthal­ten. Und Minarette sind an einem Bauw­erk, das der Inte­gra­tion dienen soll, ein Wider­spruch an sich, zumal Turm­bauw­erke aller Art immer auch Siegesze­ichen sind.

Sie lehnen den Islam als Reli­gion ab?
Rych­lik: Nein, keineswegs. Ich möchte aber darauf hin­weisen, dass der Begriff der Reli­gions­frei­heit, der in mus­lim­is­chen Län­dern nicht existiert, die klare Tren­nung von Reli­gion und Staat voraus­set­zt. Nur vor diesem Hin­ter­grund kann in ein­er Demokratie von Reli­gions­frei­heit gesprochen bzw. kann diese einge­fordert wer­den. Nun hat aber der Islam eine weltweit immer extremer wer­dende poli­tis­che Dimen­sion, die nicht unter dem Tol­er­anzbe­griff der Reli­gions­frei­heit akzep­tiert wer­den kann. Der poli­tis­che Islam ist anti­demokratisch, autoritär und reak­tionär, eng ver­wandt mit den faschis­tis­chen Ide­olo­gien des europäis­chen 20. Jahrhun­derts.

Kön­nten Sie diesen Vor­wurf präzisieren?
Rych­lik: In keinem islamis­chen Land gibt es Demokratie, über­all Dik­tatur oder abso­lutis­tisch regierende Herrscher­dy­nas­tien. Andere poli­tis­che Gesin­nun­gen und Reli­gio­nen wer­den nicht oder kaum geduldet. E
rin­nern Sie sich nur an die grässliche Leug­nung des Völk­er­mordes an Mil­lio­nen jüdis­ch­er Men­schen unter Hitler durch den iranis­chen Präsi­den­ten Ahmadine­jad.
Was ich ver­misst habe, ist die ein­deutige Stel­lung­nahme des europäis­chen Islam gegen solche ver­brecherische Äußerun­gen. Da hätte ein Auf­schrei erfol­gen müssen. Solange das nicht passiert, muss auch der europäis­che Islam zumin­d­est der Nähe zu autoritären poli­tis­chen Gesin­nun­gen verdächtigt wer­den.

Zurück nach Bad Vös­lau. Der türkisch-islamis­che Vere­in Atib will die Moschee samt angeschlossen­em Kul­turzen­trum als Haus der Inte­gra­tion führen…
Rych­lik: Seit 1988 ist Atib in Bad Vös­lau gemeldet — was aber wurde bish­er in Sachen Inte­gra­tion getan? Ich habe nichts davon bemerkt, obwohl ich die Entwick­lung inter­essiert ver­fol-ge. Ich bin ger­ade deshalb davon überzeugt, dass es ein Haus der Inte­gra­tion geben muss. Aber eines, das von der Gemeinde Vös­lau in hohem Maß gefördert wird — bish­er wurde ja von dieser Seite alles ver­säumt und es beste­ht eine gewaltige Bringschuld.

Wieso? Die Mus­lime müssen sich bei uns inte­gri­eren, wenn sie hier bleiben wollen, und daher müssen sie ihre Leis­tun­gen dafür erbrin­gen…
Rych­lik: Inte­gra­tion ist ein auf Gegen­seit­igkeit beruhen­des Pro­jekt. Was jet­zt abso­lut notwen-dig ist, wäre die Konzep­tion eines Haus­es der Begeg­nung, das vom Vere­in Atib und der Ge-meinde gemein­sam geführt wird. Es muss gemein­same Statuten geben, die gewährleis­ten, dass auch wirk­lich einge­hal­ten wird, was Atib jet­zt plöt­zlich an Inte­gra­tions­be­mühun­gen unternehmen will.

Da klingt viel Skep­sis durch…
Rych­lik: Wer garantiert, dass aus den konzip­ierten Klassen­räu­men nicht eine Koran­schule wird und aus einem religiösen Zen­trum nicht eine Zen­trale des poli­tis­chen Islam? Das ist doch im Han­dum­drehen möglich. Ich möchte das der gegen­wär­ti­gen Führung von Atib keineswegs unter­stellen, aber es kön­nten ganz anders gesin­nte Kräfte zum Zug kom­men — in einem Vere­in bei jed­er Vor­standswahl. Deshalb muss das Pro­jekt gemein­sam mit der Gemeinde auf ein­er sehr bes­timmten Ver­trags­ba­sis real­isiert wer­den. Wir brauchen demokratis­che Garantien.

Bauherr ist der Vere­in Atib. Der will ersten Schätzun­gen zufolge 1,5 Mil­lio­nen Euro für das Pro­jekt in die Hand nehmen. Und wird sich deshalb wohl kaum in seine Vorstel­lun-gen was dreinre­den lassen. Bau­rechtlich spricht ja nichts gegen die Moschee…
Rych­lik: Bürg­er­meis­ter Prinz ist schon ein­mal an ein­er Grati­sak­tion gescheit­ert — damals war es der so genan­nte City­coach. Prinz soll nicht schon wieder den Fehler machen zu glauben, er könne wesentliche Dien­stleis­tun­gen und Verpflich­tun­gen der Gemeinde kosten­los aus­lagern. Die Stadt muss Geld auf­brin­gen, um mitre­den zu kön­nen. Anders geht es nicht. Und Atib wird sich glück­lich schätzen kön­nen, in der Gemeinde einen zahlen­den Part­ner gefun­den zu haben. Nur gemein­sam wird man in Sachen Inte­gra­tion stark und erfol­gre­ich sein und wird darüber hin­aus ein zukun­ftsweisendes Inte­gra­tions­mod­ell entwick­elt haben.

Ihr Faz­it zum Schluss?
Rych­lik: Allein schon auf­grund des Wach­s­tums der mus­li­men Bevölkerung ist die abendländis­che Kul­tur gefordert, jede Ini­tia­tive zur Demokratisierung des Islam in Europa zu fördern. Für Bad Vös­lau bedeutet das ganz konkret:
1. Ein mod­ernes Gebäude ohne fun­da­men­tal­re­ligiöse Sieges­rhetorik, das einen demokratis­chen Zeit­geist des Islam sig­nal­isiert.
2. Ein inte­gra­tiv geführtes Kul­turzen­trum, wie es nur unter finanzieller und rechtlich­er Beteili­gung der Stadtge-meinde Bad Vös­lau denkbar ist.

3 Gedanken zu „Echte Integration kostet Geld!”

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Rych­lik,

    Ihre kul­turhis­torischen Ken­nt­nisse kann und will ich nicht in Frage stellen.
    Den­noch fällt mir auf, dass in Ihrer Stel­lung­nahme zum Bau des türkischen Kul­turzen­trums in Bad Vös­lau von Ihrer Seite vor­wiegend ästhetis­che Kri­te­rien in die Diskus­sion einge­wor­fen wer­den, diese dann aber mit anderen Fra­gen ver­mis­cht wer­den.
    Nicht jede neuge­baute Kirche in unserem Land entspricht Ihren hohen kün­st­lerischen Anforderun­gen. Deshalb soll­ten auch die Baut­en ander­er anerkan­nter Reli­gion­s­ge­mein­schaften nicht an diesen elitären kün­st­lerischen Maßstäben gemessen wer­den. Mit­bürg­ern unser­er Gemeinde, die vielle­icht in erster Lin­ie im Rah­men unser­er gel­tenden Ver­fas­sung ihre Religon ausüben möcht­en, soll­ten nicht von vorn­here­in diskri­m­iniert wer­den. Was die Sym­bol­kraft der Minarette mit “fun­da­men­tal­re­ligiös­er Sieges­rhetorik” bet­rifft. Diese Polemik mag in einem Artikel oder Essay ein erlaubtes Stilmit­tel sein. Dem kann ich nur ent­ge­gen­hal­ten: Manch kri­tis­ch­er Men­sch sieht auch im Sym­bol des Kreuzes nicht nur ein pos­i­tives Zeichen, son­dern denkt daran, dass im Zeichen dieses Kreuzes Men­schen ver­fol­gt, unter­drückt und gewalt­sam bekehrt wur­den.
    Manche Chris­ten möcht­en das Kreuz den­noch als Sym­bol für den Verzicht auf Gewalt und das Mitlei­den Gottes in Schwäche und Ver­lassen­heit für uns Men­schen ver­standen und respek­tiert wis­sen. Der in unser­er Gesellschaft derzeit so anerkan­nte Jakob­sweg hat eben­falls eine nicht ganz so rühm­liche gewalt­same Geschichte vorzuweisen. In einem katholisch geprägten Land weiß manch­er nicht, dass auch der evan­ge­lis­chen Kirche bis zum Ende des 19. Jahrhun­derts ver­wehrt wurde, ihre Gottes­di­en­ste in Gebäu­den abzuhal­ten, die von außen als solche klar erkennbar waren. Die Gläu­bi­gen durften ihre Kirche nicht durch ein frontales Tor betreten, und es durften keine Kreuze an den Kirchen mon­tiert wer­den. Aber das muss ich Ihnen ja nicht näher erläutern.
    Ich denke, dass unsere zum Teil berechtigten Äng­ste und Sor­gen gegen fun­da­men­tal­is­tis­che, men­schen­ver­ach­t­ende religiöse Grup­pen nicht in naiv­er Weise ver­drängt wer­den sollen. In erster Lin­ie soll­ten aber alle besonnenen Men­schen in unser­er Stadt an einem Dia­log mit Mus­li­men inter­essiert sein und ohne Vorverurteilung und Abw­er­tung an sie her­antreten. Diesen Men­schen grund­sät­zlich Gewalt­bere­itschaft zu unter­stellen, ihren religiösen Sym­bol­en eine ein­seit­ige agres­sive Bedeu­tung anzu­las­ten, Ihnen im Namen der Inte­gra­tion bes­timmte ästhetis­che Kri­te­rien aufzuzwin­gen, halte ich für ungerecht und ver­messen.
    Eine abendländis­che Mehrheit­skul­tur fordert von ein­er Min­der­heit­skul­tur Dinge, die sie selb­st nicht immer erfüllen kann und will.
    Das Gedenk­jahr an Sig­mund Freud ging 2006 zu Ende.
    Den­noch gilt sein bedeut­samer Satz immer wieder in diesem Land:
    “Die Stimme der Ver­nun­ft ist leise”…

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