Psychisch kranke Straftäter kommen nicht nach Baden!

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Für große Aufre­gung sor­gen die Pläne der Lan­deskliniken-Hold­ing, auf einem Are­al nahe dem Sied­lungs­ge­bi­et „Melk­er­gründe“ (siehe Baustellen-Bild oben) vorüberge­hend eine psy­chi­a­trische Abteilung zu erricht­en, in der bis zu 60 Pati­entIn­nen aus Gug­ging über­nom­men wer­den sollen.

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Ärzte-Chef Prim. Univ. Doz. Dr. Johann Pidlich im Inter­view

Noch im Früh­jahr hieß es, die Psy­chi­a­trie kommt in ein „mobiles Spi­tal“ mit Con­tain­ern gle­ich beim jet­zi­gen Spi­tal. Warum ist jet­zt alles anders? Und warum wurde die Bevölkerung der Melk­er­gründe nicht eher informiert?

Prim. Univ. Doz. Dr. Johann Pidlich: Das Mod­ell „Mobiles Kranken­haus“ wurde über­prüft und bew­ertet. Es hat sich als nicht opti­mal her­aus­gestellt, vor allem, weil es den Neubau behin­dert hätte. Aus diesem Grund hat man sich für die beste Über­gangslö­sung entsch­ieden: Den Bau der Alpen­land-Genossen­schaft nahe den Melk­er­grün­den anzu­mi­eten und dort die Psy­chi­a­trie zu etablieren, bis der Neubau des Spi­tals abgeschlossen ist. Wir haben so schnell wie möglich die Unter­stützung der Medi­en gesucht, um die Bevölkerung über die weit­eren Schritte opti­mal zu informieren.

Nun gibt es aber schein­bar große Äng­ste in der Bevölkerung. Befürchtet wird nicht zulet­zt eine Gefährdung von Kindern. Auf den Melk­er­grün­den leben viele Jung­fam­i­lien…

Pidlich: Eine Stig­ma­tisierung dieser Patien­ten ist alleine schon aus moralis­chen Grün­den strikt abzulehnen. Die Erfahrun­gen an Stan­dorten mit psy­chi­a­trischen Abteilun­gen (Gug­ging, Amstet­ten-Mauer) zeigen ein sehr gutes Miteinan­der zwis­chen Kranken­haus und Bevölkerung. Sowohl von baulich­er als auch von per­son­eller Seite sind bere­its Maß­nah­men getrof­fen wor­den, um einen rei­bungslosen Betrieb der Abteilung sicherzustellen. Angst und Panikmache sind abso­lut fehl am Platz. Durch die wohnort­na­he Ver­sorgung der Patien­ten aus dem Indus­trievier­tel gemäß Psy­chi­a­trieplan ergeben sich zahlre­iche Vorteile, die vor allem eine qual­i­ta­tive Verbesserung für die betrof­fe­nen Patien­ten und deren Ange­hörige bedeuten. Im Mit­telpunkt ste­ht der Men­sch und so sehr eine Zwei-Klassen-Medi­zin abzulehnen ist, so sehr ist auch der Ruf nach Zwei-Klassen-Patien­ten zu verurteilen — im Sinne der Medi­zin und der Men­schlichkeit. Wir starten mit 30 psy­chi­a­trischen Bet­ten und zehn tagesklin­is­chen Plätzen sowie mit ein­er ambu­lanten Betreu­ung. Diese Pati­entIn­nen sind kranke Men­schen, die z.B. unter Sücht­en, Depres­sio­nen, Äng­sten und Panikstörun­gen oder auch unter psy­chi­a­trischen Erkrankun­gen des Alters lei­den.

Gug­ging hat­te auch eine Abteilung der foren­sis­chen Psy­chi­a­trie, in deren Rah­men psy­chisch kranke Straftäter betreut wer­den. Wie weit wer­den solche Men­schen kün­ftig auch in Baden betreut?

Pidlich: Die Abteilung der foren­sis­chen Psy­chi­a­trie befind­et sich in Amstet­ten-Mauer. Es wird hier in Baden kein einziger psy­chisch kranker Straftäter aufgenom­men.

Wie weit haben psy­chi­a­trische Pati­entIn­nen Aus­gang?

Pidlich: Jedes Spi­tal ist prinzip­iell ein offenes Haus. Die Pati­entIn­nen kön­nen frei entschei­den, ob sie bleiben wollen oder nicht. In der Psy­chi­a­trie ist jedoch eine Anhal­tung im Einzelfall aus medi­zinis­chen Grün­den unter den notwendi­gen Rah­menbe­din­gun­gen des streng geregel­ten Unter­bringungs­ge­set­zes möglich. Wobei hier festzuhal­ten ist, dass diese Patien­ten vor­wiegend auf­grund ein­er Selb­st­ge­fährdung aufgenom­men wer­den.

Nun ist aber die ratio­nale Ein­sicht in einen Zus­tand möglicher­weise ger­ade bei psy­chi atrischen Pati­entIn­nen beein­trächtigt. Wenn die sich gegen eine sta­tionäre Auf­nahme wehren — was kön­nen Ärzte dann tun?

Pidlich: Wir dür­fen auf­grund der Geset­zes­lage prinzip­iell nie­man­den gegen seinen Willen fes­thal­ten. In der Psy­chi­a­trie ist dies jedoch — wie bere­its erwäh­nt — im Einzelfall aus medi­zinis­chen Grün­den unter den notwendi­gen Rah­menbe­din­gun­gen des streng geregel­ten Unter­bringungs­ge­set­zes möglich. Eine psy­chi­a­trische Abteilung ist generell ein beson­ders betreu­ungsin­ten­siv­er medi­zinis­ch­er Bere­ich. Kom­mu­nika­tion und indi­vidu­elle Ther­a­pi­en sind hier beson­ders wichtig. Aus diesem Grund wer­den schon in der Start­phase mit den 30 psy­chi­a­trischen Bet­ten und zehn tagesklin­is­chen Plätzen plus Ambu­lanz etwa 45 Mitar­bei­t­erIn­nen ver­schieden­er medi­zinis­ch­er Fachrich­tun­gen in dieser Abteilung arbeit­en: ÄrztIn­nen, PflegerIn­nen, Ther­a­peutIn­nen. Die Abteilung wird von Prim. Dr. Peter Stöger geleit­et, der — eben­so wie der Großteil des medi­zinis­chen Per­son­als — schon langjährige Erfahrun­gen in der Psy­chi­a­trie aus Gug­ging mit­bringt. Damit ver­fü­gen wir über ein hochqual­i­fiziertes Exper­ten­team.

Welche Per­so­n­en kom­men eigentlich in eine psy­chi­a­trische Ambu­lanz? Beste­ht nicht die Gefahr, dass Sie es hier doch gele­gentlich auch mit psy­chisch erkrank­ten Straftätern zu tun bekom­men?

Pidlich: In ein­er psy­chi­a­trischen Ambu­lanz wer­den Per­so­n­en mit akuten Panikstörun­gen, Über­las­tungsreak­tio­nen oder zum Beispiel auch mit Burn Out-Syn­dromen behan­delt. Die Ambu­lanz kooperiert sehr eng mit der sta­tionären und tagesklin­is­chen Betreu­ung, um eine opti­male Ver­sorgungsqual­ität zu gewährleis­ten.

In Gug­ging hat es ja auch Langzeit-Psy­chi­a­trie gegeben. Wer­den in Baden auch Men­schen mit so schw­eren Störun­gen betreut, dass es für sie kein selb­ständi­ges Leben gibt?

Pidlich: In Baden wird es keinen Langzeit­bere­ich geben, aber natür­lich wer­den hier wie im Psy­chi­a­trieplan vorge­se­hen chro­nisch erkrank­te Patien­ten akut behan­delt.

Ist es Ihrer Ansicht nach sin­nvoll, eine Psy­chi­a­trie in einem Wohnge­bi­et zu erricht­en?

Pidlich: Der Lan­despsy­chi­a­trie-Plan sieht eine wohnort­na­he Betreu­ung psy­chi­a­trisch­er Pati­entIn­nen vor. Wie bere­its mehrfach ange­sprochen, ist die Psy­chi­a­trie ein Teil­bere­ich der Medi­zin, sie ist ein medi­zinis­ches Fach wie jedes andere auch. Eine Stig­ma­tisierung dieser Patien­ten ist alleine schon aus moralis­chen Grün­den strikt abzulehnen. In Hol­labrunn oder Neunkirchen wurde der Psy­chi­a­trieplan mit der wohnort­na­hen Ver­sorgung bere­its erfol­gre­ich umge­set­zt. Die Erfahrun­gen zeigen uns ein­deutig, dass dies bestens funk­tion­iert. Das sind Mod­elle, die mit Baden ver­gle­ich­bar sind.

In wie weit hat die Bevölkerung der Melk­er­gründe mit son­sti­gen Beein­träch­ti­gun­gen durch den Betrieb der Psy­chi­a­trie zu rech­nen? Etwa mit Lärm oder Verkehr…

Pidlich: Schon jet­zt befind­et sich das Spi­tal in unmit­tel­bar­er Nach­barschaft zu den Melk­er­grün­den, eine Auf­s­tock­ung der Patien­ten­zahl um 40 PatienIn­nen wird für die Anrain­er wohl kaum spür­bar sein.

Beste­ht die Möglichkeit, dass die Psy­chi­a­trie in dem Alpen­land-Bau eine Dauere­in­rich­tung wird? Etwa, wenn sich die Neubau-Pläne für das Spi­tal zer­schla­gen oder wesentlich verzögern soll­ten. Der für Herb­st 2007 geplante Spaten­stich kann ja jet­zt doch noch nicht stat­tfind­en.

Pidlich: Es han­delt sich hier um die beste Über­gangslö­sung bis zur Fer­tig­stel­lung des Neubaus! Für den Neubau des Lan­desklinikums Baden-Mödling gibt es einen gülti­gen Regierungs­beschluss. Nach der Fer­tig­stel­lung wird der Alpen­land-Bau frei für seine ursprünglich geplante Nutzung, das „Betreute Wohnen“.

Über­raschen Sie die jet­zt geäußerten Äng­ste?

Pidlich: Über­rascht bin ich nicht — vielmehr bestürzt, da hier Äng­ste geschürt wer­den. Natür­lich sind Verän­derun­gen oft mit Äng­sten ver­bun­den. Aus diesem Grund ver­suchen wir mit Unter­stützung der Medi­en, wichtige Aufk­lärungsar­beit zu leis­ten. Es geht let­z­tendlich auch darum, dass psy­chisch kranke Men­schen vor allem als kranke Men­schen wahrgenom­men wer­den!

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