Qualitäts-Literatur zu lesen, erspart den Psychiater”

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Seit 1941 gibt es die Stadt­bücherei Baden. Am 3. Juli feierte Mag­dale­na Pis­arik (Bild) als Lei­t­erin dieser Insti­tu­tion ihr stolzes 40-jähriges Dien­stju­biläum. Aus diesem Anlass ein Inter­view über die Lese-Kul­tur im Wan­del der Zeit.

Man hört heute immer wieder, dass Lesen „out“ ist…

Mag­dale­na Pis­arik: Das stimmt defin­i­tiv nicht. Die Haupt­gruppe unser­er Kund­schaften sind Kinder bis 14 und Frauen. Im Vor­jahr hat­ten wir 1918 aktive LeserIn­nen, 464 Kinder bis 14, 207 Jugendliche, 288 Män­ner und 959 Frauen. Die Zahl der Entlehnun­gen steigt jährlich — 52717 waren es im Vor­jahr, und der weitaus größte Teil betraf Büch­er.

Was ver­passt man, wenn man nicht liest?

Pis­arik: Sehr viel. Lesen ist viel mehr als nur Romane zu lesen. Es ist Wis­senser­weiterung. Wer nicht liest, weiß nicht, was los ist. Und nicht zulet­zt ist Lesen auch eine genüssliche Beschäf­ti­gung — eine Auseinan­der­set­zung mit den Bildern, die im Kopf entste­hen, eine per­sön­liche Bere­icherung. Eine Psy­cholo­gin sagte ein­mal: Wer gute Werke der Weltlit­er­atur liest, erspart sich den Psy­chi­ater.

Ist die Konkur­renz der neuen Medi­en — Fernse­hen, Com­put­er, Inter­net — zu Büch­ern sehr groß?

Pis­arik: Früher haben Jugendliche für Refer­ate wesentlich mehr in der Bib­lio­thek recher­chiert, das tun sie vielle­icht heute mehr im Inter­net. Wir machen hier auch die Erfahrung, dass Hör­büch­er im Vor­marsch sind, bei Erwach­se­nen eben­so wie bei Kindern. Da erset­zt das Hör­buch oft das Vor­lesen aus früheren Zeit­en. Aber Äng­ste, dass Büch­er ausster­ben, muss man nicht haben. Da hät­ten wir in der Bücherei ja schon längst resig­nieren müssen.

Der Fall der drei „hor­rorgeilen“ Buben in Graz, die ein Mäd­chen — nach dem Vor­bild eines Hor­ror-Films verge­walti­gen und töten woll­ten, erschüt­tert zur Zeit die Öffentlichkeit. Wo liegt denn für Sie der Unter­schied, ob man Hor­ror-Filme sieht oder Hor­ror-Büch­er liest?

Pis­arik: Beim Lesen entste­ht eine eigene Vorstel­lungswelt, auch, wenn es um Hor­ror-Geschicht­en geht. Und selb­st bei einem Stephen King wer­den immer auch men­schliche Bedenken mit geschildert, das fehlt oft beim Anschauen eines Hor­ror-Filmes. Videos haben wir übri­gens hier in der Bücherei nicht im Pro­gramm.

Ist Hor­ror-Lek­türe bei den Jugendlichen gefragt?

Pis­arik: Nicht so sehr, habe ich den Ein­druck. Ein Ren­ner sind allerd­ings Fan­ta­sy-Romane, wie zum Beispiel das „Tin­ten­herz“ von Cor­nelia Funke.

Ist Lesen schon per se gut? Es gibt ja auch unbe­strit­ten sehr viel „schwache Lek­türe“.

Pis­arik: Man muss schon zwis­chen Triv­ial­lit­er­atur und qual­itätsvoller Lit­er­atur unter­schei­den. Triv­ial­lit­er­atur lässt viel weniger Raum für eigene Gedanken, set­zt alles klitzek­lein vor. Als ich vor 40 Jahren in die Bücherei gekom­men bin, gab es hier noch den so genan­nten „Giftschrank“ — da waren Werke dieser so genan­nten Triv­ial­lit­er­atur drin. Johannes Mario Sim­mel zum Beispiel. Wobei meines Eracht­ens dieser umstrit­tene Autor doch auch Zeit­strö­mungen aufgezeigt hat.

Glauben Sie, dass man eines Tages Büch­er im Inter­net lesen wird so wie heute Zeitun­gen?

Pis­arik: Inter­net ist für mich ein Zweck-Medi­um. Als zum Beispiel bekan­nt wurde, dass Bürg­er­meis­ter August Breininger zurück­tritt, habe auch ich im Inter­net ver­sucht, Neues zu erfahren. Aber trotz­dem gibt es für mich bis heute nichts Schöneres, als abends bei ein­er Tasse Tee eine Zeitung zu ent­fal­ten, wichtige Sachen darin anzus­tre­ichen, etwas auszuschnei­den. Und was die Büch­er bet­rifft: Vor Jahren wurde auf der Frank­furter Buchmesse das „Buch im Inter­net“ propagiert — davon hört man heute nichts mehr. Mit einem Buch in der Tasche ist man unab­hängig von Raum, Stro­man­schluss, Bat­te­rien und anderen Gerätschaften. Das wird sich­er nicht so schnell ausster­ben…

Sind Büchereien in ein­er Zeit wie heute nicht über­holt? Man hat heute viel mehr Platz, sich zuhause Büch­er an die Wand zu stellen und kauft sich lieber neue Büch­er. Oder?

Pis­arik: Ich bin froh, dass Sie das fra­gen. Bib­lio­theken haben immer noch so einen Arme-Leute-Geruch. Aber vieles, was man bei uns bekom­men kann, kann man im Buch­han­del schon längst nicht mehr kaufen. Es ist ver­grif­f­en. Viele Ver­lage leis­ten sich heute keine teuren Lager­hallen mehr, weshalb viele Büch­er auch bald wieder vom Markt ver­schwinden. Viele Men­schen haben auch noch immer kein Schloss daheim, um sich eine allum­fassende Bib­lio­thek einzuricht­en.

Warum beteiligt sich die Stadt­bücherei eigentlich nicht mehr an der alljährlichen großen Buchausstel­lung im Herb­st im The­ater am Steg?

Pis­arik: Die Öster­re­ichis­che Buch­woche, in deren Rah­men diese Ausstel­lung stat­tfind­et, ist eine Leis­tungss­chau der Ver­lage. Die Ver­lage ver­fol­gen wirtschaftliche Inter­essen, sie wollen ihre Büch­er verkaufen. Das ist auch gut so. Die Büchereien sind hinge­gen Kun­den des Buch­han­dels. Wir sind eine öffentliche Ein­rich­tung, Gewinne machen wir keine. Wir sind Ver­mit­tler. Denn wir tre­f­fen — als Kun­den der Buch­händler — ja bere­its eine Vorauswahl, was wir anbi­eten wollen und kön­nen. Dabei ori­en­tieren wir uns natür­lich nach den Inter­essen unser­er Kund­schaften und nach unserem öffentlichen Bil­dungsauf­trag. Auch kön­nen wir das arbeits- und per­sonalmäßig mit je 32 Stun­den Öff­nungszeit­en in der Erwach­se­nen­bücherei und zeit­gle­ich 32 Stun­den in der Jugend­bücherei nicht leis­ten. Aber heuer wird es wieder einen „Tag der Stadt­bücherei“ am Don­ner­stag, dem 25. Okto­ber, geben: mit zwei Lesun­gen für Kinder und Jugendliche und ein­er Lesung abends für Erwach­sene.

Wie ist über­haupt das Ver­hält­nis zwis­chen Buch­han­del und Büchereien?

Pis­arik: Gut. Es sind zwei ver­schiedene Wege zum Buch. Manch­mal woll­ten Buch­händler Wer­bung für die Büchereien hin­tertreiben. Aber in Wahrheit ergänzen wir einan­der, jeden­falls mein­er Mei­n­ung nach. Oft wollen die Büchereibe­nutzerIn­nen erst mal das Buch, das sie z. B. ver­schenken wollen, lesen und dann erst kaufen.

Welche drei Büch­er waren die Ren­ner des ersten Hal­b­jahres 2007 in der Stadt­bücherei Baden?

Pis­arik: Von 1. Jän­ner bis 11. Juli waren im Bere­ich Bel­letris­tik fol­gende drei Büch­er am meis­ten nachge­fragt: 1. „Süße des Lebens“ von Paulus Hochgat­ter­er, 2. „Aus­gekocht“ von Eva Ross­mann, 3. „Gut gegen Nord­wind“ von Daniel Glat­tauer ex aequo mit „Es geht uns gut“ von Arno Geiger. Im Sach­buch­bere­ich gab es fol­gende Spitzen­re­it­er: 1. „Zwis­chen Hitler und Himalaya“ von Ger­ald Lehn­er. 2. „Ich nicht“ von Joachim Fest und 3. „Mein Iran“ von Shirin Eba­di.

Über die Jahrzehnte hin­weg gese­hen, die Sie nun schon in der Stadt­bücherei tätig sind: Hat sich am Geschmack der Kund­schaften etwas geän­dert?

Pis­arik: Klas­sik­er sind — mit Aus­nahme der Pen­sion­is­ten — viel weniger gefragt als früher. Ich weiß auch nicht, warum. Und bei den Kindern sind Indi­an­ergeschicht­en abso­lut out. Im Bere­ich der Bel­letris­tik sind heute Krim­is am meis­ten gefragt, davon kön­nten wir nicht genug haben. Und bei der Jugend-Lit­er­atur dominiert das Fan­ta­sy-Genre.

Was lesen Sie selb­st ger­ade?

Pis­arik: Ich war kür­zlich im The­ater in Reichenau und hab mir dort die Auf­führung von Hugo von Hof­mannsthal „Der Schwierige“ ange­se­hen. Das hat mich inspiri­ert, wieder Hof­mannsthal nachzule­sen. Was mich beson­ders daran fasziniert, ist, dass es heute keine solche Sprache und Kon­ver­sa­tion mehr gibt mit einem solchen gewalti­gen Sprach­schatz.

Zum Schluss möchte ich Sie noch um ein paar Buch-Empfehlun­gen bit­ten. Was wür­den Sie einem Lese-Ein­steiger empfehlen? Welch­es Buch macht Ihrer Mei­n­ung nach „süchtig nach dem Lesen“?

Pis­arik: Grund­sät­zlich fra­gen wir nach den Inter­essen der Kund­schaft. Aber ein abso­lut faszinieren­des Buch, das man nicht so leicht aus der Hand leg­en kann ist „Das grüne Akko­rdeon“ von Anni Proulx. Ein grünes Akko­rdeon wan­dert über die Welt und durch ver­schiedene Kul­turkreise. Abso­lut span­nende, ani­mierende Lit­er­atur.

Wür­den Sie als Buch mit „Sucht-Charak­ter“ eigentlich auch Har­ry Pot­ter empfehlen? Der neueste Band erscheint ja in weni­gen Tagen…

Pis­arik: Ja, natür­lich. Wir wer­den in der Bücherei auch ein Exem­plar in englis­ch­er Sprache aufliegen haben. Und ab Okto­ber oder Novem­ber gibt’s den neuen Band dann auch auf Deutsch. Ich bewun­dere die Autorin, die sich mit ihrer Fan­tasie so einen eige­nen Kos­mos erschaf­fen kann. Man sieht aber auch, was mar­ket­ingtech­nisch mach­bar ist.

Und was wür­den Sie leicht fort­geschrit­te­nen LeserIn­nen empfehlen?

Pis­arik: „Mon­sieur Linh und die Gabe der Hoff­nung“ von Philippe Claudel. Nach einem Bombe­nan­griff wan­dert ein Asi­ate mit sein­er Enke­lin in ein kaltes Land aus.

Und ganz zum Schluss: Was soll­ten richtige Bücher­würmer nicht ver­säu­men?

Pis­arik: „Schnee“ von Lit­er­atur-Nobel­preisträger Orhan Pamuk. Und „Der fliegende Berg“ von Christoph Rans­may­er.

www.buecherei-baden.at 

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