Psychiatrie: Politik liegt sich in den Haaren

Juli 25th, 2007

Im Land des Sigmund Freud ist es auch 68 Jahre nach seinem Tod scheinbar nicht einfach, mit den „Krankheiten der Seele“ sachlich umzugehen. Wegen der geplanten Errichtung einer Psychiatrie auf den Melkergründen gehen weiter politisch die Wogen hoch.

Im Interview der Vorwoche versuchte der Ärzte-Chef des Badener Thermenklinikums, Johann Pidlich, die größte Angst zu zerstreuen: Psychisch kranke Straftäter (einst als „geistig abnorme Rechtsbrecher“ dämonisiert) kommen nicht nach Baden, sondern nach Amstetten-Mauer. In der Badener Psychiatrie werden Menschen mit psychischen Erkrankungen (Schizophrenien, Angststörungen, Alterserkrankungen etc.) stationär, tagesklinisch oder ambulant betreut.

Dezentralisierung

Die so genannte „wohnortnahe“ Psychiatrie ist ein Konzept des Landes, sie soll - auch gemäß den Vorstellungen der EU - der Stigmatisierung entgegenwirken und die Landesklinik in Gugging durch mehrere dezentrale Einrichtungen ersetzen.

So weit so gut. Dann wurde (schleppend) bekannt, dass die Badener Psychiatrie - bis das neue Spital fertig ist - vorübergehend auf die Melkergründe kommt. Es kam sofort zu besorgten Reaktionen von Anrainern. Und auch die Politik mischte sich ein.

„Sorgfältige Auswahl“

„wir badener“-Gemeinderätin Christine Witty griff in einer Aussendung die Ängste der Bevölkerung auf, mahnte zur „Vorsicht bei der Auswahl der Patienten“ und kritisierte die „Geheimpolitik“. Außerdem hält sie die Widmung nicht für korrekt.

Auf diese Aussendung gab es Kritik von Bürgermeisterin Adensamer (ÖVP). Sie kritisierte Witty wegen „Lust am Verhetzen und Menschenverachtung“. Auch die SPÖ kann dem Stil der „wir badener“ nichts abgewinnen. Klubchefin Maria Rettenbacher: „Ich verurteile diese Angstpolitik gewisser Gruppen.“

„wir badener“-Stadtrat Jowi Trenner bricht eine Lanze für seine Gemeinderätin: Per offenem Brief an Erika Adensamer meint er, die Bürgermeisterin suche „mit einer vulgären Wortwahl gegenüber einer gewählten Gemeinderätin einen Sündenbock für die eigenen Versäumnisse“. Gemeint sind damit eben die Geheimniskrämerei und die unkorrekte Flächenwidmung, die für eine „geschlossene Krankenanstalt“ nicht geeignet sei.

Zu wenig Information!

In einem Punkt sind sich sowohl SPÖ, „wir badener“ und Grüne aber einig: Die Informationspolitik sei ungenügend gewesen und habe die vorhandenen Ängste noch zusätzlich geschürt. Maria Rettenbacher (SPÖ): „Es wäre Zeit genug gewesen, im Amtsblatt alles sachlich darzustellen. Alles Neue schürt Ängste in den Menschen, und da muss man darauf eingehen. Ich bin nicht der Meinung der Bürgermeisterin, dass die Psychiatrie Landessache sei. Wir sind Stadtpolitiker, und wir müssen das Beste für die BürgerInnen tun. Sonst wird ja auch immer jahrelange Ankündigungspolitik betrieben.“ Die Grüne Dr. Helga Krismer vermisst gar - nicht ohne gewisse Süffisanz - „einen offiziellen Spatenstich“.

Nicht mehr Bedrohung!“

Stadt-Chefin Erika Adensamer bleibt dabei: „Als Abgeordnete wurde ich natürlich informiert. Aber die Information ist in dieser Angelegenheit Sache der Landeskliniken-Holding. Sie ist klar und informativ durch Primar Pidlich erfolgt.“

Zum Thema „Bedrohung“ meint Adensamer: „Es gibt in Baden durch die psychiatrische Abteilung nicht mehr Bedrohung als bisher, sprich, es kann in jeder Umgebung zu jeder Zeit plötzlich jemand „durchdrehen“. Wer bereits in stationärer Behandlung ist, läuft nicht mehr Gefahr, plötzlich „durchzudrehen“. Problematischer ist es, wenn jemand sich nicht behandeln lässt, weil er z.B. Angst davor hat, in der Gesellschaft als „verrückt“ stigmatisiert zu werden.“


Entry Filed under: baden, gesundheit, psychologie

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