Ich lerne langsamer leben”

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Andreas Par­rer mit seinem jüng­sten Sohn Jan Niklas bei einem Vor­mit­tagsaus­flug an der Schwechat 

  • Wie ist Ihre per­sön­liche Sit­u­a­tion? Wieviele Kinder müssen Sie „ver­sor­gen“?

Andreas Par­rer: Zu meinem Leben gehören vier Kinder. Dominik, 16 Jahre, David 13 und Bern­hard 7 Jahre sind aus mein­er ersten Ehe, der Jüng­ste, Jan-Niklas ist 2 Jahre und stammt aus mein­er jet­zi­gen Beziehung. Dominik lebt seit bald 2 Jahren bei uns, für David und Bern­hard nehme ich mir min­destens ein­mal die Woche Zeit und leiste natür­lich auch die vorgeschriebe­nen Zahlun­gen.

 Sie sind jet­zt seit einein­halb Jahren in Eltern-Teilzeit-Karenz. Was bedeutet das genau?

 Par­rer: Bei­de Eltern­teile kön­nen in Karenz gehen und gle­ichzeit­ig weit­er in Teilzeit arbeit­en, teilen sich also die Karenz- bzw. Betreu­ungszeit­en inner­halb der Woche. Nie­mand muss ganz auf seinen Beruf – aber auch nicht auf die Zeit mit dem Kind verzicht­en. Bei­de genießen in dieser Zeit die Schutzbes­tim­mungen der Elternkarenz wie z.B. die Unkünd­barkeit. In der The­o­rie die aus mein­er Sicht bis­lang beste Idee des Geset­zge­bers.

 Was hat Sie dazu bewogen, in Teilzeit-Karenz zu gehen?

 Par­rer: Beru­fliche Auszeit für die Kinder zu nehmen war immer schon in meinem Kopf — trotz aller Freude am Schaf­fen und Gewinnstreben war dies nie mein auss­chließlich­er Leben­szweck. Aus ver­schieden­sten Grün­den gelang dies bei den ersten drei Kindern nicht wirk­lich, jet­zt endlich war das gesamte Umfeld so dass es umset­zbar wurde.

 Was bringt Ihnen das per­sön­lich?

Par­rer: Natür­lich ist die Kinder­be­treu­ung min­destens so anstren­gend wie ein Erwerb­s­beruf, aber sie geschieht ohne den men­schen­ver­ach­t­en­den Druck der soge­nan­nten Mark­t­mech­a­nis­men. Erfolg bei der Betreu­ung eines Kindes ist, wenn es lacht, wenn man gemein­sam ein­fach­ste Dinge in der Natur ent­deckt, wenn es zufrieden nach dem Essen ein­schläft. Erfolg bei dieser Arbeit wird nicht erzielt durch schneller, weit­er, rationeller son­dern durch das genaue Gegen­teil: Zeit loslassen. Entschle­u­ni­gung des Lebens als Neben­ef­fekt ein­er ver­ant­wor­tungsvollen Tätigkeit ist eine echte Leben­squal­ität.

Wie wird das in Ihrem Bekan­ntenkreis „bew­ertet“? Gilt man als Mann noch als „Pantof­fel­held“, wenn man sich dafür entschei­det, sich mehr um die Kinder zu küm­mern?

Par­rer: Das kann ich nicht bestäti­gen. Sämtliche Per­so­n­en, die davon wis­sen, betra­cht­en mich mit Neugi­er, Inter­esse und durch­wegs hohem Respekt. Auch Siemens/Elin, mein Arbeit­ge­ber, hat mich voll unter­stützt. Ich glaube, dass dieses Prob­lem wirk­lich zur über­schaubaren Ran­der­schei­n­ung gewor­den ist – nicht zu let­zt durch steigen­des Selb­st­be­wusst­sein der aktiv­en Väter.

 Wie weit kann man sich als Paar so einen Schritt finanziell derzeit leis­ten? Nor­maler­weise ver­di­enen Män­ner mehr als Frauen. Ist das nicht ein Risiko für „Nor­malver­di­ener“?

Par­rer: Ja, lei­der, das ist es wirk­lich, und zwar für bei­de. Ger­ade wenn bei­de halb ver­di­enen ist die Chance sehr groß, dass die Zuver­di­en­st­gren­ze zwei mal knapp über­schrit­ten wird und das Kinder­be­treu­ungs­geld – immer­hin ca 435 EUR net­to pro Monat, ganz wegfällt. Wir mussten uns wissentlich für diese Benachteili­gung entschei­den. Diese Gren­ze muss defin­i­tiv fall­en, wenn dieses Karenz­mod­ell Erfolg haben soll. Gän­zlich inakzept­abel ist die Rechtssi­t­u­a­tion für Väter in zweit­er Beziehung: ich weiß de fac­to gar nicht, ob ich – trotz Hal­bzeitar­beit – über­haupt ein Einkom­men haben werde, weil sich das Bezirks­gericht auf­grund unklar­er Rechtsvor­gaben seit einein­halb Jahren ein­fach weigert, die Höhe mein­er Ali­men­ta­tionsverpflich­tung für die Karenzzeit festzustellen. Hier wird wirk­lich mit ver­schiede­nen Maßen gemessen und ich rechne mit einem Prozess bis zum ober­sten Gericht.

Wo siehst du – politisch/gesellschaftlich – die wesentlichen Hin­dernisse, warum nicht mehr Män­ner ein Karen­z­jahr beanspruchen?

Par­rer: Ein paar hand­feste Prob­leme habe ich ja schon erwäh­nt. Aber es geht noch viel tiefer: wir wis­sen alle um Diskri­m­inierung von Frauen und Pflicht­en der Väter  – also um Neg­a­tivbeispiele und moralis­chen Druck für jew­eils eine Seite. Jet­zt erlebe ich auch eine andere Real­ität: Gespräche mit aufgeschlosse­nen Män­nern, deren Prob­lem darin beste­ht, dass es die Part­ner­in ist, die die Neg­a­ti­var­gu­mente bei ein­er Diskus­sion zur Väterkarenz bringt; sich also gar nicht so unge­wollt auf z.B. niedrigeres Einkom­men beruft. Oder am Bezirks­gericht: eine weib­liche Sach­bear­bei­t­erin sagte mir allen Ern­stes, ich solle nicht „mutwillig in Karenz gehen um meine Ali­mente zu drück­en“. Wenn wir also derzeit eine gewisse Res­ig­na­tion erleben, dann ist diese auch auf eine reale Mitver­ant­wor­tung von Frauen zurück­zuführen und die völ­lig fehlende gesellschaftliche Wahrnehmung dieses Teils der Real­ität.

Welche drei Eigen­schaften hast du in der Väterkarenz erwor­ben bzw. aus­ge­baut, die du davor nicht hat­test?

Par­rer: Ich habe Geduld und Aus­dauer entwick­elt und sog­ar für meine älteren Kinder noch mehr qual­itätvolle Zeit als bish­er. Das ist es, was zählt, daran ori­en­tiere ich meine Entschei­dun­gen unab­hängig von Bürokrat­en und Vorurteilen. Dazu hoffe ich auch andere Väter motivieren zu kön­nen!

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