Unmoralische Geschäfte?

November 26th, 2007

Die Stadt Bad Vöslau investierte 175.000 Euro aus der Kanalrücklage in die Meinl European Land-Aktie. SPÖ-Stadträtin Schirk übt Kritik.

Die Sparbuchzinsen sind 2005 extrem niedrig. Die Kanalrücklagen im Vöslauer Budget sind hoch - knapp zwei Millionen Euro. Der Gemeinderat entscheidet sich also einstimmig dafür, einen Teil der Rücklagen - 700.000 Euro - „gewinnbringender“ zu veranlagen. Unter anderem investiert man in die Meinl European Land-Aktie.

175.000 Euro in Meinl-Aktien angelegt
Nach entsprechender Beratung wurden 700.000 Euro in drei verschiedene Veranlagungsformen „geparkt“: 350.000 Euro in einen Anleihefonds der BA-CA (GF 48, ein Rentenfonds speziell für Gemeinden), sowie je 175.000 Euro in ein Kapitalgarantieprodukt der Erste Bank und eben in einen Immobilienfonds der Meinl European Land.
Von diesem Veranlagungspaket erwartete sich die Gemeinde einen Ertrag von 5 Prozent, sagt Stadtchef Christoph Prinz. Auf Sparbüchern wäre damals ein Ertrag von lediglich 2 Prozent und weniger möglich gewesen.
Doch manchmal kommt es anders als man denkt…

Meinl-Aktie rasselte in den Keller
Die Turbulenzen rund um die Meinl European Land (MEL)-Aktie sind mittlerweile bekannt. Nach rasantem Kursgewinn stürzte die Aktie heuer im Spätsommer komplett ab, und liegt nun bei etwas mehr als der Hälfte ihres ursprünglich von Bad Vöslau veranlagten Wertes (8 Euro statt 14 Euro). Inzwischen prüft auch die Finanzmarktaufsicht, ob bei MEL alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Von „Irreführung“ und undurchsichtigen Geschäften ist schon die Rede.
Und MEL purzelte in dieser Woche sogar aus dem Top-Segment der Wiener Börse, dem Prime Market. Zahlreiche Kleinanleger versuchen mit Sammelklagen einen Teil ihres verlorenen Geldes wieder hereinzubekommen.

Darf man mit Steuergeld spekulieren?
Und natürlich ist nun in Bad Vöslau die Frage zu stellen: Darf mit Steuergeld spekuliert werden? SP-Stadträtin Elisabeth Schirk: „Am meisten ärgert mich, dass hier vor allem Geld aus den Kanalgebühren, die wir erst kürzlich wieder erhöht haben, verspekuliert wurde - um nicht zu sagen vernichtet. Das ist unfair gegenüber dem einzelnen Bürger, für den die Kanalgebühren doch eine Belastung darstellen. Darüber hinaus will ich auch noch die Frage stellen, ob die öffentliche Hand - also auch Gemeinden - sich überhaupt an den dubiosen Finanzmarkt-Spekulationen beteiligen soll. Man weiß doch, dass an so manchen Aktien im wahrsten Sinne des Wortes Blut klebt. Aus meiner Sicht ist es ein unmoralisches Geschäft, und die Gemeinde sollte all ihre Aktien wieder abstoßen.“

Und ÖVP-Obmann Franz Neuhold fragt: „Uns interessiert, was Bürgermeister Prinz vor hat. Wird sich die Stadtgemeinde anschließen und ebenfalls klagen? Werden die MEL-Aktien abgestoßen, oder wird einfach zugewartet?“
Prinzipiell wurde die Veranlagungsform in Bad Vöslau auf drei Jahre gewählt, wobei die Produkte „jederzeit handelbar“ sind. Eine Kapitalgarantie gibt es allerdings nur für eines der drei Produkte.

Bürgermeister Christoph Prinz steht trotzdem nach wie vor zu dem Deal: „Die Meinl-Aktie ist nur ein Teil unseres Paketes. Wir haben so veranlagt, dass eventuelle Verluste auf der einen Seite durch Gewinne auf der anderen Seite wieder ausgeglichen werden. So lange wir die Meinl-Aktie nicht verkaufen, ist ja auch der derzeitige schlechte Wert nur auf Papier. Wir haben im besten Wissen und Gewissen, nach Einholung zahlreicher Angebote und einer fundierten Finanzberatung, entschieden. 1,3 Millionen unserer Kanalrücklage liegen sowieso auf sicheren Sparbüchern. Auch jeder Private hätte wohl so gehandelt.“
Von der erhofften 5 Prozent-Rendite ist die Gemeinde also derzeit wohl weit entfernt.

Schirk: „Sparbücher wären genauso gut gewesen!“
Schirk: „Da hätten wir das Geld ja gleich komplett auf sicheren Sparbüchern parken können. Ich werde in Zukunft keiner Veranlagungsform mehr zustimmen, bei der es keine Kapitalgarantie gibt. Das bin ich dem Steuerzahler schuldig.“

Entry Filed under: allgemein

2 Comments Add your own

  • 1. Ein Bürger  |  November 26th, 2007 at 17:01

    StRin Schirk übt hoffentlich Kritik an sich selbst und ihrer ursprünglichen Zustimmung. Der Beschluss wurde ja EINSTIMMIG gefasst.

  • 2. Gabi Stockmann » &#&hellip  |  Oktober 30th, 2008 at 19:58

    [...] Früherer Artikel [...]

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