Integration ja, aber wie?

November 28th, 2007

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11 Prozent der NÖ-Bevölkerung sind Menschen mit Migrationshintergrund. In manchen Gemeinden unseres Bezirkes liegt der Anteil der ausländischen Bevölkerung sogar noch höher. Sind Konflikte vorprogrammiert? Wo kann Integrationspolitik ansetzen? Der Leobersdorfer Erdal Kalayci, 26, österreichischer Staatsbürger mit Migrationshintergrund, ist Grün-Gemeinderat in seiner Heimatgemeinde und hat soeben als Student der Politikwissenschaft seine Diplomarbeit über „kommunale Integrationsmodelle“ fertig gestellt (siehe Bild oben). Welche Antworten hat er auf diese brennende Frage unserer Zeit? Ein Interview.

In Ihrem Heimatort Leobersdorf beklagte kürzlich Bürgermeister Bosch, dass sehr viele türkische Kindergartenkinder nicht Deutsch sprechen. Und sogar in der Volksschule noch nicht….

Kalayci: Sprachwissenschafter sagen, dass man zunächst die Muttersprache gut beherrschen muss, zumindest in ihren Grundfertigkeiten. Erst darauf aufbauend kann eine Fremdsprache erlernt werden. Studien haben ergeben, dass gerade in türkischen Familien Kinder von übereifrigen Eltern zum Deutsch-Sprechen animiert werden. Dabei können die Eltern es selbst nur schlecht. Ex-jugoslawische Familien lehren ihre Kinder selbstbewusst bosnisch oder serbokroatisch. Diese Kinder können später erwiesenermaßen besser die Fremdsprache Deutsch lernen, und sie haben auch ein besseres Selbstbewusstsein. Es sollen nämlich Eltern ihren Kindern die Sprache beibringen, die sie selbst am besten sprechen. Das ist die beste Basis. Ansonsten kann man am Ende weder die Muttersprache gut noch die Fremdsprache, man ist nirgends verwurzelt.

Ein Blick nach Kottingbrunn. Dort ist gerade eine Debatte um Englisch im Kindergarten entstanden. Die Grünen wollen, dass Englisch im Kindergarten angeboten wird. Die Gemeindeführung sagt, das hat Zeit, es gebe so viele türkische Kinder, die nicht Deutsch können. Wer hat Recht?

Kalayci: Niemand hat recht, aus Sicht der Sprachwissenschaft. Englisch im Kindergarten ist übertrieben. Wichtig ist, dass österreichische Kinder sattelfest in ihrer Muttersprache Deutsch werden. Es ginge aber auch darum, türkischen Kindern die Möglichkeit zu geben, sattelfest in türkisch zu werden. Erst darauf aufbauend ist das Erlernen einer Fremdsprache möglich, wie ich schon sagte. Der Schlüssel dazu heißt: interkulturelles Lernen. Türkische Kindergartenkinder brauchen erst die Grundfertigkeiten in ihrer eigenen Sprache.

Nun nach Hirtenberg. Dort gibt es einen sehr hohen Anteil ausländischer Bevölkerung, vor allem türkischer. Prompt hat die FPÖ bei den letzten Wahlen einen explosionsartigen Stimmenzuwachs bekommen. Irren sich so viele WählerInnen?

Kalayci: Es sind nicht türkische Menschen per se, die ein Problem machen. Es sind soziale Probleme, die aufeinandertreffen. Die meisten TürkInnen und ÖsterreicherInnen in Hirtenberg gehören unteren sozialen Schichten an. Untersuchungen zeigen, dass Ausländerhass und Rassismus in gebildeteren Schichten, wo es die besseren Jobs und Wohnverhältnisse gibt, weniger vorkommen. Das hat damit zu tun, dass untere soziale Schichten miteinander um die Jobs konkurrieren müssen. Darum hat auch die FPÖ in Hirtenberg so großen Zulauf, weil sie traditionell Menschen aus den unteren Schichten anspricht. ÖsterreicherInnen der unteren sozialen Schichten sind verunsichert und haben Angst etwas zu verlieren, nicht zuletzt auch aufgrund der Globalisierung und Entsolidarisierung. Die FPÖ-Botschaft, dass „die Ausländer schuld sind“, kommt bei ihnen gut an.

Wären Sie für ein Ausländerwahlrecht?

Kalayci: Ja. Es gibt ja schon jetzt zwei Klassen von AusländerInnen. EU-BürgerInnen dürfen nach fünf Jahren Aufenthalt in Österreich auf kommunaler Ebene wählen. BürgerInnen aus so genannten Dritt-Staaten nicht. Ich wäre dafür, dass auch diese nach fünf Jahren wählen und das heißt mitbestimmen dürfen. In den skandinavischen Ländern ist das längst gang und gäbe.

Da höre ich schon rechte Kreise mahnen: Die „Türken“ werden uns überrollen. Sie bekommen so viele Kinder, eines Tages diktieren sie dann, was in diesem Land zu geschehen hat…

Kalayci: Studien haben ergeben: Je höher die Bildung und das Einkommen, desto weniger Kinder! Also: Wenn man Menschen mit Migrationshintergrund den Aufstieg in Österreich ermöglicht, werden sie erstens aus den Ghettos wegziehen und zweitens weniger Kinder bekommen. Das würde die Integration erleichtern.

Nun zur Moschee-Debatte in Bad Vöslau. Welche Rolle spielt der Islam, spielt Religion in Integrationsfragen?

Kalayci: Ich selber bin nicht religiös. Ich gehe trotzdem in die Moschee, oder in einen Gebetsraum oder ein Kulturzentrum. Einfach um Menschen aus meinem Kulturkreis zu treffen oder Deutschkurse abzuhalten. Moscheen, oder wie immer man dazu sagen will, dienen nicht nur dem Glauben, sondern auch der Kommunikation. Ein solcher Raum ist wichtig. Dass für junge TürkInnen die Religion mehr Rolle spielt als für ÖsterreicherInnen, ist eher ein psychosoziales Problem. Wenn man in dieser Gesellschaft hier nicht ankommen kann, weil es keine Anknüpfungspunkte gibt, weil man angefeindet wird, sucht man eine andere Gruppe – und da bieten sich eben religiöse Gruppen an.

Wie stehen Sie zur religiösen Symbolik – Minarette oder Kopftuch?

Kalayci: Das Sichtbar-Werden ist das Problem, vor allem für InländerInnen, die sich in ihrer sozialen Existenz bedroht fühlen, die Angst um ihren Arbeitsplatz, ihr Einkommen oder ihre Zukunft haben. Diese Ängste müsste man analysieren. Mit Verboten der religiösen Symbolik wird man nichts erreichen. Der Lösungsansatz liegt im sozialen Bereich.

In Bad Vöslau befasst man sich derzeit intensiv mit Integration. Was kann man auf kommunaler Ebene konkret tun?

Kalayci: Punkt Eins ist das Ernst-Nehmen. Man muss auch die Frage stellen: Wohin sollen sich MigrantInnen integrieren? Es gibt auch in der so genannten österreichischen Kultur so viele Verschiedenheiten. Es gibt die Punks, die Arbeiter, die sozialen Aufsteiger, die Häuslbauer und so weiter.

Punkt Zwei ist: Man muss AusländerInnen Anknüpfungspunkte bieten – etwa im Vereinswesen. Man braucht Kontaktpersonen zu den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Beispielsweise habe ich beim Leobersdorfer Pfingstfest voriges Jahr eine türkische Fußballmannschaft zum Jux-Turnier angemeldet. Sie wurde sogar Zweite.

Punkt Drei: Man braucht interkulturelle MitarbeiterInnen, die den Dialog in Gang bringen und aufrecht halten. Menschen mit Ausbildung und Erfahrung.

Punkt Vier: Man braucht Geld. Mir ist es in Leobersdorf leider nicht gelungen, im Budget 10.000 Euro für Integrationsmaßnahmen zu verankern.

Warum gilt Leobersdorf inzwischen im Land trotzdem als Integrations-Vorbildgemeinde?

Kalayci: Ich habe Deutschkurse für MigrantInnen organisiert, speziell für Frauen und Kinder. Ich halte Kontakt zu den Schulen. Mittlerweile ist es uns gelungen, drei oder vier türkische Volksschulkinder ins Gymnasium zu bringen. Auch bin ich ein Gemeinderat mit Migrationshintergrund. Ich bin für die türkischen Jugendlichen eine Art Vorbild: ein Türke, der mit seinen Eltern und drei Schwestern im „Leobersdorfer Türkenviertel“ in einem Zimmer mit Kochnische und Klo am Gang aufgewachsen ist. Und heute studiere ich, wie auch meine Schwester. Man kann es schaffen, eine solche Perspektive ist wichtig. Die Wohnsituation hat sich dank Bürgermeister Bosch sehr verbessert, das stimmt. Es stimmt aber auch, dass Südbahnstraße und Arbeitergasse noch immer ein Ghetto sind, und dass Integration nicht aufhören darf, wenn der Wohnbau abgeschlossen ist. Integration hört nie auf, weil sie ein gesellschaftlicher Prozess ist, und weil sich die Gesellschaft in einem stetigen Wandel befindet.

Sie waren auch in die Erstellung eines Integrations-Leitbildes für das Land Niederösterreich eingebunden. Wie kann die „hohe Politik“ kommunale Integrationsprogramme erleichtern?

Kalayci: Das Land kann Vorbild sein. Es hat 30.000 Bedienstete, aber davon sind nur 2,3 % AusländerInnen, und von denen auch wieder zwei Drittel im Putzdienst. In Niederösterreich gibt es aber 11 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. In ganz Österreich sogar ein Fünftel. Also die Verankerung solcher Menschen in Behörden, politischen Funktionen usw. ist notwendig. Österreich ist ein Einwanderungsland, das zeigt auch der neulich von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften präsentierte Zweite Österreichische Migrations- und Integrationsbericht deutlich. Und damit muss man umgehen lernen.

Das Land kann bzw. muss den Gemeinden Hilfe anbieten, in Form von bezahltem interkulturellem Personal, in Form von Förderungen.

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2 Comments Add your own

  • 1. Gabi Stockmann » In&hellip  |  März 28th, 2008 at 09:25

    [...] Erdal Kalayci: Integration ja - aber wie?  [...]

  • 2. Koller-Jäger Johann  |  September 23rd, 2008 at 08:26

    Herr Kalayci spricht von “er sei eine Art Vorbild für türkische Jugendliche”
    Zum Einen sollte er, bevor er solche Überheblichkeiten ausspricht”, mit den Jugendlichen sprechen. Trifft so sicher nicht zu, wie wäre es sonst zu erklären, dass die Akzeptanz der Grünen sinkt, vor allem bei türkischstämmigen Jugendlichen.

    Zum Anderen zeigt, er verteidigt ausschließlich die Zuwanderung und Integration aus der Türkei, dass es damit wohl Probleme gibt, die es bei der Integration anderer Kulturen offenbar nicht gibt.

    mfg.Koller-Jäger Johann

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