Strahlen-Alarm im Badener Zentrum
November 28th, 2007
Im Kirchturm von St. Stephan im Zentrum von Baden verstecken sich etliche Mobilfunk-Sender. Sie sind die Ursache für hohe Strahlenwerte, die beim Eingang zur Volksschule gemessen wurden. Foto: TriCoTel Telekom GmbH
Aufreger Mobilfunk: Alarm um Strahlenbelastung im Badener Zentrum. Besonders betroffen: Die Volksschule am Pfarrplatz und der Hauptplatz. Das ergab eine Strahlenmessung durch die Firma TriCoTel am 19. November.
Gemessen hat Mobilfunk-Experte Mag. Robert Marschall. Er ist Geschäftsführer der Firma TriCoTel. Marschall ist von der Weikersdorfer Bürgerinitiative, die gegen die geplante Errichtung eines Handymasten in der Radetzkystraße protestiert, als Berater engagiert worden.
1. runder Mobilfunk-Tisch
Beim ersten runden Mobilfunktisch am Montag, initiiert von Stadtchefin Erika Adensamer, wollte Marschall seine Messergebnisse präsentieren, „um das ganze Ausmaß des Problems zu zeigen“. Er wurde aber – so berichtet er - nicht entsprechend gehört. “Aus meiner Sicht ist Marschall keine unabhängige Institution,” kontert dazu Stadtrat Hans Hornyik. “Beim runden Tisch sollte es eigentlich darum gehen, das Problem der Weikersdorfer Bevölkerung zu lösen.”
Marschall unterschrieb nicht
Nach sechsstündiger Diskussion kam es bei diesem runden Tisch schließlich auch zu einer gemeinsamen Presse-Erklärung. Einer hat diese Erklärung aber nicht unterschrieben: Mag. Robert Marschall. Er begründet: „Die Erklärung hat wichtige Dinge nicht enthalten, die zur Lösung des Problems beitragen könnten.“
Strahlenbelastung bei Volksschule
Und das Problem ist – aus Marschalls Sicht - kein geringes: Seine Messungen ergaben drei „katastrophale Werte“: Beim Eingang zur Volksschule 1 und 2 am Pfarrplatz wurde ein Wert von 6.880 Mikrowatt pro Quadratmeter gemessen. Beim Landesklinikum Ost Parkplatz lag der Wert bei 5.230 Mikrogramm/m² und bei der Pestsäule wurde der drittschlechteste Wert erzielt: mit 4.460 Mikrogramm/m².
Diskussion um Grenzwerte
Nun gibt es weder EU-weit noch in Österreich einen Grenzwert für Strahlenbelastung.
Der Industriekonzern BMW legte für seine Arbeitsplätze 100 Mikrowatt/m² fest. Deutsche Baubiologen sehen „extreme Anomalien“ bei Strahlenbelastungen über 100 Mikrowatt/m². Der EU-Rat gab 1999 hingegen eine Grenzwert-Empfehlung für 9 Millionen (!) Mikrowatt/m² an. Normale Handytelefonie sei – so Marschall – schon bei einem Tausendstel Mikrowatt problemlos möglich.
Was tun?
Als Ursache für die extrem hohe Strahlenbelastung bei der Volksschule sieht Marschall die Ansammlung von Mobilfunkanlagen im Kirchturm von St. Stephan. „Hier müsste man sofort reagieren. Statt dessen wurden nun beim runden Tisch Strahlen-Messungen im Stadtteil Weikersdorf vereinbart – dort, wo zwar um einen neuen Handymasten gestritten wird, wo aber die Strahlenbelastung nur ein Hundertstel vom Zentrum ausmacht. Da geht viel wertvolle Zeit verloren. Denn ich finde, unsere Schulkinder haben einen Arbeitsplatz verdient, der nur die Belastung eines BMW-Industriearbeitsplatzes aufweist.“
Die Lösungsansätze zur Strahlen-Minderung lägen – so Marschall – bei der Versetzung von Sendern aufs Dach, bei Abschirmungsmaßnahmen und bei der „gerechten Verteilung“ von Sendeanlagen aufs ganze Stadtgebiet. „Eine Zusammenballung an einer Stelle ist unfair. Telefonieren wollen schließlich alle, und warum sollen nur einige wenige massiv strahlenbelastet sein?“
Zurück zum Festnetz?
Das reine Telefonieren mit Handys ist ja in Baden ohnehin nahezu lückenlos möglich. Worum es jetzt geht, ist die Ausweitung des Mobilfunknetzes in Richtung UMTS – also Datenübertragung via Handy. Die neue Technologie braucht ein stärkeres Netz. Die einzelnen Sender strahlen zwar nicht so stark, allerdings in einem bedenklichen Frequenzbereich, erläutert Marschall: „Man dürfte eigentlich nicht mehr Handy sagen sondern Mikrowellentelefon. Vielleicht würde das doch manche abschrecken. Denn letztlich werden wir nicht darum herumkommen, die Telefonie und Datenübermittlung wieder in Richtung Festnetz zu verlagern, wenn wir nicht unsere Gesundheit gefährden wollen.“
Gesundheitliche Gefahren?
Auch die Ärztekammer warnte schon vor gesundheitlichen Problemen. Sie können von Befindlichkeitsstörungen (Schlafprobleme, Ohrensausen, etc.) bis zur Tumorbildung reichen.
Marschall hat die Strahlenbelastung in Baden schon vor zweieinhalb Jahren einmal gemessen. Damals ergaben sich beim Thermenklinikum 2830 Mikrowatt/m². Heute sind es 5.230. Seine Schlussfolgerung: „Die Situation hat sich drastisch verschlechtert, man muss handeln. Und deshalb veröffentliche ich meine Messergebnisse. Die Bevölkerung hat ein Recht darauf, informiert zu werden.“ In Marschalls Liste gehört Baden nun zu den Orten mit den höchsten punktuellen Belastungen. Zum Vergleich: In der Wiener Innenstadt werden Werte über 20.000 Mikrowatt erzielt.
Alle Messergebnisse sind ab sofort online abzurufen unter www.schutz-vor-elektrosmog.at.
Was geschah beim ersten Mobilfunktisch?
Am ersten Runden Mobilfunktisch wurden Messungen durch die Landesregierung an sechs verschiedenen Standorten in Weikersdorf und erst in weiterer Folge im gesamten Stadtgebiet vereinbart. Die erste Messreihe wird beim nächsten Runden Tisch, voraussichtlich im Februar, vorgestellt, und von einem Mediziner interpretiert. Ziel sei, eine „für die Bevölkerung bestmögliche Lösung des Handymastenproblems zu finden“. Teilgenommen haben PolitikerInnen, Anrainer und Mobilfunkbetreiber.
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