Ein “geraubter Kuss” ist auch kein Kavaliersdelikt

Allmäh­lich kom­men im Amstet­tner Inzest-Fall mehr Frauen zu Wort, sowohl als Exper­tin­nen wie auch als Betrof­fene. Erschüt­ternd die Sendung Thema von gestern Abend (5. Mai): Drei Frauen berichteten (natür­lich anonymisiert) von ihren jahre­lan­gen wieder­holten und schwer trau­ma­tisieren­den Erfahrun­gen mit sex­ueller Gewalt.

In diesem Zusam­men­hang ver­liert jegliche “Klas­si­fizierung” von sex­uel­len Mis­shand­lun­gen ihre Wichtigkeit: Der Krim­i­nalpsy­chologe Müller hat ja am Son­ntag Abend in der Diskus­sion “Im Zen­trum” erzählt, dass die Straf-Urteile für Sex-Täter je nach vol­l­zo­gener Hand­lung unter­schiedlich aus­fal­len. Das heißt, die Kriminalisten/Anwälte müssen fest­stel­len, ob und wie oft es eine Pen­e­tra­tion gegeben hat oder “nur” andere erzwun­gene sex­uelle Hand­lun­gen (und auch die noch abgestuft). So kommt es dann in der landläu­fi­gen Mei­n­ung zu Aus­sagen wie “Er hat sie ja ‘nur’ am Busen gestre­ichelt!” oder “Er hat ihr ja nicht weh getan!” oder “Sie soll nicht so zim­per­lich sein!”. Fak­tum ist: JEDE Berührung gegen den Wil­len eines Kindes/einer Frau oder unter Ein­schüchterung bzw. Kraftan­wen­dung etc. ist 1. moralisch ver­w­er­flich und müsste 2. auch strafrechtliche Rel­e­vanz haben. Hier muss eigentlich die öffentliche Debatte anset­zen. Denn mit genau diesen Über­grif­fen wird der Boden auf­bere­itet für weit­erge­hende Ver­brechen a la Amstet­ten. Auch ein “ger­aubter Kuss” ist kein Kava­liers­de­likt, und schon gar nicht, wenn es wieder­holt geschieht. Würde die Aufmerk­samkeit von Polizei und Jus­tiz mehr auf prinzip­ielle Über­grif­figkeit gerichtet sein und weniger auf die Details der sex­uel­len Hand­lun­gen (die ja von unter­schiedlichen Men­schen sowieso unter­schiedlich emp­fun­den wer­den), kön­nte sich vielle­icht eine “gesellschaftlich-kli­ma­tis­che Verän­derung” ergeben: In deren Folge ler­nen Men­schen eher, Nein zu sagen, darüber zu sprechen oder sen­si­bler und selb­st­be­wusster Hin­weise im Umfeld wahrzunehmen.

Jeden­falls kön­nten dann die Her­ren Gusen­bauer und Molterer nicht laut­stark vom “grause­men Amstet­tner Einzeltäter” sprechen und so tun, als sei ganz Öster­re­ich in Wirk­lichkeit “clean”. Wobei einem ja auch klar sein sollte, dass grausame Fälle aus fast allen Län­dern bekannt sind.

Darüber hin­aus glaube ich, dass es wenig Sinn hat, nach Strafver­schär­fun­gen für Sex­u­altäter zu rufen. Wie Exper­tIn­nen aus anderen Län­dern berichten, haben höhere Strafen keine Auswirkun­gen auf die Delikte. Weitaus wichtiger und für die Betrof­fe­nen wesentlich hil­fre­icher wäre 1. eine kli­ma­tisch-gesellschaftliche Verän­derung im vorhin erwäh­n­ten Sinn (dass man sich traut, darüber zu reden, dass man dabei z.B. bei der Polizei oder von LehrerIn­nen auch ernst genom­men wird und dass Über­grif­figkeiten jeden­falls Kon­se­quen­zen haben müssen!) und 2. eine Auseinan­der­set­zung mit der (milden) gerichtlichen Praxis im Rah­men der beste­hen­den Gesetze: Von den angezeigten Fäl­len wer­den ja nur wenige gerichtlich behan­delt. Verge­waltiger kom­men immer noch allzu oft “ungeschoren” davon.

Langer Rede kurzer Sinn: Ein Nein muss ein respek­tiertes Nein bleiben kön­nen. Es muss aus­ge­sprochen wer­den kön­nen ein­er­seits und es muss akzep­tiert wer­den kön­nen ander­er­seits. Ein­fach so, ohne große Begrün­dung und ohne Sank­tio­nen durch den/die Zurück­gewiese­nen. Darum geht’s. Um die Würde.

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