“Die Politik braucht mehr Gefühl”
April 28th, 2009

10 Jahre politisch aktiv. Und 100 Tage im Gemeinderat. Im Gespräch mit den WNN zieht die Lehrerin Irene Baumgartner (29) aus Bromberg Bilanz. Während Gleichaltrige beim Wort „Politik“ gerne die Nase rümpfen, ist die junge ÖVP-lerin voll des Mutes, doch etwas bewirken zu können.
Jung, weiblich - und „studiert“: Wie tut Frau sich da in einem ländlichen Ortsparlament, das ja wohl sicherlich stark von reiferen Herren dominiert ist?
Irene Baumgartner (lacht): Sie haben recht. Von unseren 19 Gemeinderäten (14 ÖVP, 5 SPÖ) in Bromberg sind tatsächlich nur zwei Frauen - die andere von der SPÖ. Von meiner Partei, der ÖVP, her gesehen, muss ich sagen, dass die meisten sehr offen sind gegenüber dem, was ich sage.
Tatsächlich? Gibt’s gar keine abschätzigen Bemerkungen? Und stoßen Sie nicht als einzige „Studierte“ im Gemeinderat eines 1200 Seelen-Bauerndorfs auf Widerstand?
Baumgartner: Vielleicht von einigen, und vielleicht wird auch hinter vorgehaltener Hand manchmal gewitzelt. Mir gegenüber zeigt man sich aber schon respektvoll…
Viel Politik wird ja - gerade am Land - auch im Wirtshaus gemacht. Mischen Sie sich in Männer-Stammtische ein?
Baumgartner (lacht): Jawohl! Und das nicht erst seit 100 Tagen, die ich im Gemeinderat bin, sondern schon seit 10 Jahren. Leider hat das Gasthaus in meiner Rotte Oberschlatten jetzt geschlossen. Aber ich finde Ersatz. Man kann sich auch nach dem Besuch der Sonntagsmesse im Dorf treffen und diskutieren.
Welche Stammtisch-Themen gibt es denn in Bromberg?
Baumgartner: Ausländer- und Integrationsfragen. Die Wirtschaftsproblematik und daraus entstehende Probleme für junge Menschen. Und die Altersvorsorge.
Bromberg hat ja wahrscheinlich kein Ausländerproblem…
Baumgartner: Das stimmt. Trotzdem höre ich manchmal gehässige Äußerungen. Dem versuche ich entgegenzuwirken, dass man einfach nicht alle pauschal über einen Kamm scheren kann. Als Sonderschullehrerin in Wiener Neustadt weiß ich genau, wovon ich rede. Und ich weiß auch, dass Integrationsbemühungen wirken.
Wie haben denn Ihre gleichaltrigen Freunde reagiert, als Sie ihnen sagten: So, ich geh jetzt zur Volkspartei!
Baumgartner: Für die meisten ist es nicht überraschend gekommen, da ich mich ja schon seit 10 Jahren politisch im weitesten Sinn engagiere. Mit 19 habe ich das Bromberger Ferienspiel mitbegründet, das es heute noch gibt. Und ich war auch viel in Vereinen und im Pfarrgemeinderat. Ich habe gesehen, dass man etwas bewirken kann, dass gute Ideen immer gefragt sind. Manche meiner Freunde haben allerdings auch Skepsis geäußert. Sie haben gesagt „Was, muss das jetzt sein, dass du dich parteipolitisch offen deklarierst?“ Dem stehen etliche junge Menschen tatsächlich reserviert gegenüber. Aber ich stehe zu meiner Meinung.
Was würde die Jugend brauchen, um sich - so wie Sie - politisch engagieren zu wollen?
Baumgartner: Ich glaube, sie wollen zunächst einmal gehört und ernst genommen werden. Das versuchen wir jetzt in Bromberg und auch im Rahmen des Projektes „Region Zukunft“. Da sollen junge Leute unabhängig von der Volkspartei motiviert werden, sich einzumischen. Es gibt Arbeitsgruppen - ich bin da leitend für Jobs und Ausbildung zuständig.
Sind nicht die neuen Medien und die Anziehungskraft der Stadt eine Ursache, dass die ländliche Jugend sich nicht mehr so für das Geschehen im Dorf interessiert?
Baumgartner: Ja. Ich merke schon, dass sich die Jugend weniger im Ort trifft. Sie sitzen vorm Computer oder Fernsehen oder besuchen Events in der Stadt. Dadurch verlieren sie den Kontakt zur Heimat, was schade ist. Denn das ist auch ein Teil der Identität. Ich versuche, dem so gut wie möglich entgegenzuwirken - zuhören, auf die jungen Leute zugehen, ihre Ideen aufgreifen.
10 Jahre politisch aktiv - und jetzt 100 Tage im Gemeinderat: Gab es schon erste Enttäuschungen mit der „Politik als Institution“?
Baumgartner: Enttäuschungen kann ich nicht sagen. Aber ich glaube schon, dass man auch eingefahrene Strukturen ändern und aufbrechen kann. Es braucht mehr Gefühl in der Politik…
Das sagt ausgerechnet eine „Studierte“?
Baumgartner (lacht): Intellekt und Gefühl - das gehört optimalerweise zusammen.
Was wollen Sie denn in den nächsten 100 Tagen im Gemeinderat bewirken?
Baumgartner: Ich will einen Beitrag leisten, dass wir uns innerhalb der ÖVP nicht mit internen Streitereien aufreiben, dass wir Einigkeit erreichen. Es wäre auch spannend, die Politik so interessant zu machen, dass mehr Leute sich eine Gemeinderatssitzung anschauen. Es wäre auch für uns Gemeinderäte gut, auf diese Art ein Feedback für unsere Arbeit zu bekommen.
Und wie soll Bromberg in 10 Jahren ausschauen? Wird es eine Frau Bürgermeisterin Irene Baumgartner geben?
Baumgartner (lacht): Das glaube ich weniger. Man sollte die Männer-Domäne am Land nicht unterschätzen. Aber zu Bromberg in 10 Jahren: Ein wenig kontrollierter Bevölkerungszuwachs würde nicht schaden. Das Problem der Kinderbetreuung am Land sollte gelöst sein, und auch für die alten Leute sollte gesorgt sein. Ansonsten glaube ich, dass wir das Bestehende besser nutzen sollten - und dass es nicht schadet, das Bestehende ein wenig zu modernisieren. Da sind eben die Ideen der Jugend gefragt. Es ist ihre Zukunft.
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