Ein Abend im besetzten Audimax…

November 22nd, 2009

audimax1

…wurde für mich auch zur Konfrontation mit unserer Männergesellschaft in verschiedenen Ausformungen…:-)

Lesefest war angesagt im besetzten Audimax, am 21. November. Nix wie hin, dachte ich mir. Meine Sympathie gehörte den StudentInnen von Anfang an. Neugierig war ich auch, wie es so zugeht im besetzten Audimax und wie das Lesefest so ablaufen würde.

Ca. 20 Uhr treffe ich ein. Es sind nur wenige Leute im Hörsaal, gelassene Stimmung, es wird ein bisserl geputzt und auf den hinteren Bänken genießen ein paar (ausschließlich männliche) Sandler die ungewohnte Wärme und das immer gleiche Bier. Ein polnischer Sandler hat sich das Mikrophon erobert , sagt etwas von “Viel Spaß” und lallt dann eine gute Viertelstunde weiter Unverständliches vor sich hin. An den Wänden revolutionäre Sprüche, wie ich sie schon aus den frühen 80er-Jahren kenne. Schön. Irgendwie finde ich es auch gut, dass die Gestrandeten unserer Gesellschaft einmal in einem Audimax sein dürfen.

Eine Frau meines Alters namens Elisabeth trägt ab 21 Uhr Texte und klassische Klaviermusik vor. Die Texte befassen sich mit dem Mauer-Fall, tapfer liest die Autorin gegen die allgemeine Geräuschkulisse ins Mikrophon, die Klaviermusik geht mangels Verstärkung und wegen einer kaputten Taste komplett unter.

Ein junger Mann drängt sich zwischendurch ans Mikrophon. Basisdemokratie, da darf mann das. Das (bisserl) Publikum im Audimax solle gefälligst demonstrieren gehen, vor die US-Botschaft, für rebellierende Studenten-Kollegen in Kalifornien, meint er - es sei total wichtig für die Bewegung. Elisabeth, gerade am Klavier sitzend, wartet geduldig, bis er mit seinem Aufruf fertig ist. Sie will weitermachen. Aber da kommt noch ein anderer junger Mann. Vor der Uni sei Polizei aufmarschiert, man müsse Präsenz zeigen. Auch ich gehe hinaus. Wie es mit Elisabeths Texten und ihrer Musik weitergegangen ist, weiß ich nicht. Gestört hat mich, dass beide jungen Männer sich für die Unterbrechung des Vortrags mit keinem Wort entschuldigt haben.

Draußen tatsächlich - ein wahres Heer an Polizisten, 50 - 100 schätze ich, fast ausschließlich Männer. Bewaffnet mit Schlagstöcken. Sie verwehren uns das Weitergehen. Da können Sie nicht durch, heißt es. Eine junge Frau neben mir beginnt mit einer der raren Polizistinnen zu diskutieren. Warum könne man nicht durch? Was los sei? Die Polizistin, offensichtlich innerlich “geladen”, meint, es sei eine Amtshandlung. Und man dürfe nicht wissen, worum es bei der Amtshandlung gehe? hakt die junge Frau nach. Eine Rauferei, sagt die Polizistin. “Und da brauchen Sie ein ganzes Heer?” frage ich. “Was mischen Sie sich ein, Sie sind eine erwachsene Frau!” bekomme ich zu hören. Als habe man ab einem gewissen Alter zu verstehen, dass es schlicht keinen Sinn macht, sich einzumischen… Die Polizistin bekommt Unterstützung von noch grantiger dreinschauenden männlichen Kollegen. “Ich meine ja nur, weil immer von der Personalnot bei der Polizei die Rede ist,” sage ich noch schüchtern und verzieh mich dann doch lieber, vorbei an einer Kolonne von jungen Leuten (fast nur Männer), die angeblich zwecks “Feststellung der Identität” vor einem Polizeibus Schlange stehen. Jeder “Identitätslose” von einem Extra-Polizisten “begleitet”. Was sie angestellt haben sollen, bleibt ein Geheimnis.

Zurück ins Audimax, das jetzt gut gefüllt ist. Das Lesefest beginnt. Es ist als Poetry Slam konzipiert, die Teilnehmenden haben jeweils fünf Minuten für ihre Texte. Die ersten acht “Poeten” sind junge Männer, sie schreiben über die Tierwelt, stellen witzige Fragen, analysieren die Gesellschaft. Text an oder über eine Frau ist keiner dabei. Die Texte der ersten beiden TeilnehmerINNEN befassen sich jedoch sehr dezidiert und relativ huldigend mit Männern: mit einem Rockstar und mit einem Einbrecher.

Es ist fast 1 Uhr. Ich bin müde. Ich gehe zurück zu meinem Auto, am Votivpark vorbei. Dort hat ein einzelner Mann offenbar ein sehr dringendes Bedürfnis. Er parkt sein Auto dort, wo es ihn überkommen hat, sein Bedürfnis -  in einer Kurve. Er erreicht mit Müh und Not den gut beleuchteten ersten Baum im Park, wo er dann ausgiebig seine Notdurft verrichtet. Dass ich gerade vorbeigehe, dürfte ihn nicht sonderlich irritieren.

Warum Männer eigentlich immer gegen Bäume pinkeln - diese Frage beschäftigt mich auf der Heimfahrt.

Jetzt verstehe ich jedenfalls, warum auf der Uni überall Zettel hingen, die auf Sexismus aufmerksam machen. Es ist nicht einen Deut anders als vor 30 Jahren… Und auch die Uni schaut noch genauso aus wie vor 30 Jahren, rein baulich betrachtet.

identitaetsfeststellung

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3 Comments Add your own

  • 1. oskar werner zahrer  |  November 22nd, 2009 at 07:22

    hat, oder ist es ihn überkommen?

    meine antwort: http://de.thefreedictionary.com/%C3%BCberkommen

    ich hatte “ist” geschrieben, habs nun auf “hat” ausgebessert. bin mir nie sicher…

  • 2. Faesbuch  |  November 22nd, 2009 at 17:12

    gabi, der bericht ist fabelhaft. einzig mit sandlern, lärm und vortragsstörern hätte ich ein problem gehabt - aber ich bin für sowas vermutlich schon zu spießig…..
    (danke für die tollen fotos!)

  • 3. Raffael  |  November 22nd, 2009 at 17:15

    Ich pinkle gegen Bäume, weil es ziemlich praktisch ist:

    1. Diskret: Ich kann den Baum ansehen und muss nicht in die weite Welt hinausblicken, und die frontale Sicht auf den Akt und das Geschlechtsteil ist verstellt.
    2. Unverfänglich: Der Baum wirds wohl mit Fassung tragen, durch die Erde kann der Urin versickern. Da passiert nicht viel. Man sollte halt einen Baum wählen, der weniger zum Anlehnen geeignet ist.
    3. Zielgerichtet: Ist lustiger, wenn man was zum Treffen hat, anstatt einfach auf den Boden zu pissen.

    Nur im Sitzen pinkeln ist noch praktischer ;)

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