Ein Abend im besetzten Audimax…

audimax1

…wurde für mich auch zur Kon­fronta­tion mit unser­er Män­nerge­sellschaft in ver­schiede­nen Aus­for­mungen…:-)

Lese­fest war ange­sagt im beset­zten Audi­max, am 21. Novem­ber. Nix wie hin, dachte ich mir. Meine Sym­pa­thie gehörte den Stu­dentIn­nen von Anfang an. Neugierig war ich auch, wie es so zuge­ht im beset­zten Audi­max und wie das Lese­fest so ablaufen würde.

Ca. 20 Uhr tre­ffe ich ein. Es sind nur wenige Leute im Hör­saal, gelassene Stim­mung, es wird ein bis­serl geputzt und auf den hin­teren Bänken genießen ein paar (auss­chließlich männliche) San­dler die unge­wohnte Wärme und das immer gle­iche Bier. Ein pol­nis­ch­er San­dler hat sich das Mikrophon erobert , sagt etwas von “Viel Spaß” und lallt dann eine gute Vier­tel­stunde weit­er Unver­ständlich­es vor sich hin. An den Wän­den rev­o­lu­tionäre Sprüche, wie ich sie schon aus den frühen 80er-Jahren kenne. Schön. Irgend­wie finde ich es auch gut, dass die Ges­tran­de­ten unser­er Gesellschaft ein­mal in einem Audi­max sein dür­fen.

Eine Frau meines Alters namens Elis­a­beth trägt ab 21 Uhr Texte und klas­sis­che Klavier­musik vor. Die Texte befassen sich mit dem Mauer-Fall, tapfer liest die Autorin gegen die all­ge­meine Geräuschkulisse ins Mikrophon, die Klavier­musik geht man­gels Ver­stärkung und wegen ein­er kaput­ten Taste kom­plett unter.

Ein junger Mann drängt sich zwis­chen­durch ans Mikrophon. Basis­demokratie, da darf mann das. Das (bis­serl) Pub­likum im Audi­max solle gefäl­ligst demon­stri­eren gehen, vor die US-Botschaft, für rebel­lierende Stu­den­ten-Kol­le­gen in Kali­fornien, meint er — es sei total wichtig für die Bewe­gung. Elis­a­beth, ger­ade am Klavier sitzend, wartet geduldig, bis er mit seinem Aufruf fer­tig ist. Sie will weit­er­ma­chen. Aber da kommt noch ein ander­er junger Mann. Vor der Uni sei Polizei auf­marschiert, man müsse Präsenz zeigen. Auch ich gehe hin­aus. Wie es mit Elis­a­beths Tex­ten und ihrer Musik weit­erge­gan­gen ist, weiß ich nicht. Gestört hat mich, dass bei­de jun­gen Män­ner sich für die Unter­brechung des Vor­trags mit keinem Wort entschuldigt haben.

Draußen tat­säch­lich — ein wahres Heer an Polizis­ten, 50 — 100 schätze ich, fast auss­chließlich Män­ner. Bewaffnet mit Schlagstöck­en. Sie ver­wehren uns das Weit­erge­hen. Da kön­nen Sie nicht durch, heißt es. Eine junge Frau neben mir begin­nt mit ein­er der raren Polizistin­nen zu disku­tieren. Warum könne man nicht durch? Was los sei? Die Polizistin, offen­sichtlich inner­lich “geladen”, meint, es sei eine Amt­shand­lung. Und man dürfe nicht wis­sen, worum es bei der Amt­shand­lung gehe? hakt die junge Frau nach. Eine Raufer­ei, sagt die Polizistin. “Und da brauchen Sie ein ganzes Heer?” frage ich. “Was mis­chen Sie sich ein, Sie sind eine erwach­sene Frau!” bekomme ich zu hören. Als habe man ab einem gewis­sen Alter zu ver­ste­hen, dass es schlicht keinen Sinn macht, sich einzu­mis­chen… Die Polizistin bekommt Unter­stützung von noch grantiger drein­schauen­den männlichen Kol­le­gen. “Ich meine ja nur, weil immer von der Per­son­al­not bei der Polizei die Rede ist,” sage ich noch schüchtern und verzieh mich dann doch lieber, vor­bei an ein­er Kolonne von jun­gen Leuten (fast nur Män­ner), die ange­blich zwecks “Fest­stel­lung der Iden­tität” vor einem Polizeibus Schlange ste­hen. Jed­er “Iden­tität­slose” von einem Extra-Polizis­ten “begleit­et”. Was sie angestellt haben sollen, bleibt ein Geheim­nis.

Zurück ins Audi­max, das jet­zt gut gefüllt ist. Das Lese­fest begin­nt. Es ist als Poet­ry Slam konzip­iert, die Teil­nehmenden haben jew­eils fünf Minuten für ihre Texte. Die ersten acht “Poet­en” sind junge Män­ner, sie schreiben über die Tier­welt, stellen witzige Fra­gen, analysieren die Gesellschaft. Text an oder über eine Frau ist kein­er dabei. Die Texte der ersten bei­den Teil­nehmerIN­NEN befassen sich jedoch sehr dezi­diert und rel­a­tiv huldigend mit Män­nern: mit einem Rock­star und mit einem Ein­brech­er.

Es ist fast 1 Uhr. Ich bin müde. Ich gehe zurück zu meinem Auto, am Votiv­park vor­bei. Dort hat ein einzel­ner Mann offen­bar ein sehr drin­gen­des Bedürf­nis. Er parkt sein Auto dort, wo es ihn überkom­men hat, sein Bedürf­nis —  in ein­er Kurve. Er erre­icht mit Müh und Not den gut beleuchteten ersten Baum im Park, wo er dann aus­giebig seine Not­durft ver­richtet. Dass ich ger­ade vor­beige­he, dürfte ihn nicht son­der­lich irri­tieren.

Warum Män­ner eigentlich immer gegen Bäume pinkeln — diese Frage beschäftigt mich auf der Heim­fahrt.

Jet­zt ver­ste­he ich jeden­falls, warum auf der Uni über­all Zettel hin­gen, die auf Sex­is­mus aufmerk­sam machen. Es ist nicht einen Deut anders als vor 30 Jahren… Und auch die Uni schaut noch genau­so aus wie vor 30 Jahren, rein baulich betra­chtet.

[mygal=audimax]

3 Gedanken zu „Ein Abend im besetzten Audimax…

  1. gabi, der bericht ist fabel­haft. einzig mit san­dlern, lärm und vor­tragsstör­ern hätte ich ein prob­lem gehabt — aber ich bin für sowas ver­mut­lich schon zu spießig.….
    (danke für die tollen fotos!)

  2. Ich pin­kle gegen Bäume, weil es ziem­lich prak­tisch ist:

    1. Diskret: Ich kann den Baum anse­hen und muss nicht in die weite Welt hin­aus­blick­en, und die frontale Sicht auf den Akt und das Geschlecht­steil ist ver­stellt.
    2. Unver­fänglich: Der Baum wirds wohl mit Fas­sung tra­gen, durch die Erde kann der Urin ver­sick­ern. Da passiert nicht viel. Man sollte halt einen Baum wählen, der weniger zum Anlehnen geeignet ist.
    3. Ziel­gerichtet: Ist lustiger, wenn man was zum Tre­f­fen hat, anstatt ein­fach auf den Boden zu pis­sen.

    Nur im Sitzen pinkeln ist noch prak­tis­ch­er 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.