Die Goldene war damals nicht aus Gold

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Derzeit blickt die Sportwelt gebannt nach Van­cou­ver. 2700 Ath­leten aus 77 Natio­nen kämpfen um Gold, Sil­ber und Bronze. 1956 holte die heute in Wiener Neustadt lebende Sissy Schwarz in Cortina Gold für Öster­re­ich. Damals kämpften 823 Sport­lerIn­nen aus 32 Län­dern — und es gab keine TV-Über­tra­gun­gen.

Eine Goldmedaille, die nicht aus Gold ist. Eine (inzwis­chen zer­broch­ene) Schreibtis­chlampe aus Augarten-Porzel­lan. Und jede Menge Erin­nerun­gen. Das ist es, was Sissy Schwarz-Bol­len­berger (73) von ihrer Olympiateil­nahme 1956 geblieben ist. An der Seite von Kurt Oppelt holte die damals 20-Jährige Olympia-Gold für Öster­re­ich.
Fünf Minuten und 20 Sekun­den dauerte der Eis­tanz zur Musik der Ban­diten­stre­iche von Franz von Suppè, den das Paar mit tol­len Sprün­gen gar­nierte. Einein­halb Stun­den dauerte danach das große Warten, bis die Entschei­dung der Preis­richter fest­stand. Schwarz/Oppelt siegten gegen die unmit­tel­baren Konkur­renten Dafoe/Bowden aus Kanada. Das Pub­likum in der Eishalle von Cortina d‘Ampezzo war bei der Verkün­dung der Entschei­dung längst nach Hause gegan­gen… TV-Über­tra­gun­gen gab es damals noch nicht. Ebenso wenig wie lukra­tive Wer­bev­erträge („Wir mussten die Teil­nahme aus der eige­nen Tasche bezahlen“) oder tolle Preis­gelder.
„Ich kann mich nicht an eine große Gemüts­be­we­gung erin­nern, und auch nicht, ob ich vor dem Lauf nervös war,“ erzählt Sissy Schwarz. „Wir hat­ten eine ungün­stige Start­num­mer gle­ich zu Beginn des Bewerbes und konzen­tri­erten uns nur darauf, alles richtig zu machen. Unsere tol­len Sprünge haben uns schließlich den Sieg gebracht — gegen die favorisierten Konkur­renten aus Kanada.“
Das Feuer der Erin­nerung
Das Feuer der Erin­nerung flack­ert in Sissy Schwarz-Bol­len­berg­ers Gesicht auf bei unserem Gespräch in ihrem Haus in Wr. Neustadt. Die Liebe hat sie nur vier Jahre nach ihrem Olympiasieg in die Allzeit Getreue ver­schla­gen und dazu bewogen, das Eis­tanzen aufzugeben.
Den­noch ist sie ihrem Sport treu geblieben. 1968 half sie entschei­dend mit, in Wr. Neustadt den Eis­laufverein zu grün­den und set­zte sich an der Seite von Rudolf Lang für den Bau einer Kun­steis­bahn ein.
Noch heute ver­bringt Sissy Schwarz-Bol­len­berger viele Tage am Eis und hilft mit, heimis­che Schulkinder fürs Eis­laufen zu begeis­tern. „Von allen ehe­ma­li­gen Eistänz­erin­nen, z.B. Trixi Schuba oder Clau­dia Kristofics-Binder, bin ich die einzige, die vom Eis nie ganz weggekom­men ist,“ schmun­zelt Sissy, dreifache Mut­ter und fünf­fache Oma. Sie sieht heute noch fasziniert den „fließen­den Bewe­gun­gen der Eis­läufer zu“. Extra für die Sportüber­tra­gun­gen hat sie sich Kabelfernse­hen zugelegt — und fiebert schon der Olympiade 2010 ent­ge­gen.
Dass das Eis­laufen heute kein­er­lei Tra­di­tion mehr in Öster­re­ich hat, bedauert Sissy Schwarz. Gründe dafür sieht sie mehrere: Zum einen habe sich die Repub­lik nie darum bemüht, ehe­ma­li­gen Spitzen-Eis­läuferIn­nen Jobs als Trainer oder Lehrer anzu­bi­eten und so das Know-How an Jün­gere weit­erzugeben. Zum anderen seien die heute pro­duzierten Eis­lauf­schuhe gar nicht für sportliche Bewe­gun­gen am Eis geeignet.

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Preisver­lei­hung im Jahr 1956: Die Olympiasieger beka­men Schmuck­stücke aus Augarten-Porzel­lan

2 Gedanken zu „Die Goldene war damals nicht aus Gold

  1. Net­ter Artikel. Es freut mich immer wenn man gute Schilderun­gen bringt. Recht her­zliche Gruesse aus dem heis­sen Florida. Hop­pla, so warm ist’s ja nun eben­falls in Wien und Umge­bung, aber hier haben wir wenig­stens air con­di­tion. Also, ein her­zliches Prost! Kurt Oppelt

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