Rot, weiß, schwarz
März 6th, 2010

Eigentlich sollte ich heute das Bett hüten. Aber irgendwas ließ mich nicht ruhen. Ich wollte zu sehr dabei sein bei der Trauerfeier für Johanna Dohnal.
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Also entschließe ich mich spontan. Die Frauen wollen sich ab 13 Uhr am Zentralfriedhof bei Tor 2 treffen, nahe der Feuerhalle, in den Signalfarben rot-schwarz-weiß gekleidet. Ich war noch nie dort.
Ohne Handy (daheim in der Eile vergessen), ohne GPS und ohne Plan fahre ich los. Irgendwie komme ich hin. Parke mein Auto leider nicht bei Tor 2 sondern bei Tor 4. Bis 14 Uhr ist noch etwas Zeit. Ein Fußmarsch durch den Friedhof wird meiner Verkühlung nicht schaden, denke ich. Griechische Musik im MP3-Player, marschiere ich los.
Bald fühle ich mich wie eine verlorene Seele auf diesem Friedhof. Vor mir im beginnenden Schneegestöber taucht eine Frauengestalt auf, ganz in rot-schwarz-weiß gekleidet. “Die Frauen-Signalfarben,” denke ich. “Die will bestimmt auch zur Dohnal-Feier”. Ich hefte mich an ihre Fersen. Doch auch sie ist offenbar verloren. Keine Versammlung weit und breit.
“Wollen Sie auch zur Dohnal?” rede ich sie an.
“Ja, ich dachte, das muss hier irgendwo sein, in der Nähe vom Grab der Rosa Jochmann,” sagt die Frau zu mir.
“Nein”, sage ich. “Die Feier ist in der Feuerhalle. Aber wo ist die Feuerhalle?”
Die Frau zuckt nur die Achseln. Ich entdecke in einem Schaukasten einen Plan. Nun wissen wir, wo wir hin müssen.
10 Minuten Fußweg. 10 Minuten Zeit, über Johanna zu reden. Warum sie wichtig war. Immer sein wird.
10 Minuten Zeit, einander näherzukommen.
“Ich habe Sie nur deshalb angeredet, weil ich gesehen habe, dass Sie die Signalfarben Rot-Schwarz-Weiß tragen. Rote Hose, schwarzer Mantel, schwarz-weißer Schal. Die Signalfarben der autonomen Frauen,” sage ich zu meiner Bekanntschaft.
“Ach, das wusste ich nicht,” antwortet sie lächelnd. “Ich hab mich nicht extra so angezogen”.
Wir kennen uns nicht, aber wir lachen. Ich erzähle von meiner Verkühlung und dass ich eigentlich daheim bleiben wollte. Meine Nase rinnt.
“Man sollte nicht mit Schnupfen auf ein Begräbnis gehen, und kein einziges Taschentuch dabei haben,” lache ich.
Die Frau schenkt mir zwei Taschentücher. Sie lässt mich raten, aus welchem Land sie ursprünglich kommt.
Als wir bei der Feuerhalle ankommen, hat die Feier schon begonnen. Eine Gruppe rot-schwarz-weiß gekleideter Frauen hält ein Transparent. “Adieu, Johanna”, steht darauf. Auf die Videowall im Freien werden Reden und Musik übertragen. Ich reihe mich mit meiner Friedhofsbekanntschaft ein in die Schlange derer, die sich ins Kondolenzbuch eintragen wollen.
Wir stehen nebeneinander als hätten wir schon seit Tagen die Absicht gehabt, gemeinsam an dieser Feier teilzunehmen. Und kennen doch nicht mal unsere Namen. Wir verständigen uns flüsternd und mit Blicken.
Ich deute ihr mit den Augen “Gehen wir hinein in die Feuerhalle?” Sie folgt mir, ich bahne uns einen Weg durch die Menge. Wir hören die Reden von Renate Brauner, Gabriele Heinisch-Hosek, Barbara Prammer, Werner Faymann - und die schöne Stimme von Elisabeth Orth, die literarische Texte liest.
Am Ende muss ich weinen, als die Gruppe Airplay (ein wunderbares Frauen-Saxofon-Quartett) das “Lied der Arbeit” spielt und die Menschen leise mitsingen. Als würden sie gemeinsam Johanna Dohnals Seele tragen.
Meine “Begegnung” schenkt mir ein ganzes Päckchen Taschentücher.
“Ich habe noch genug davon,” lächelt sie wieder. “Ohne Sie hätte ich mich vielleicht nicht getraut, in die Halle reinzugehen.”
Draußen fotografieren wir uns noch gegenseitig - dann bekomme ich ihre E-Mail-Adresse. Wir bestätigen uns gegenseitig, dass wir das Gefühl haben, uns unter besonderen Umständen begegnet zu sein und einen besonderen Moment erlebt zu haben.
Im Hintergrund singen die autonomen Frauen Bella Ciao. Danke, Johanna, für einen schönen Trauernachmittag.
[mygal=dohnal]
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