Zwischen Zwang und Freiheit

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Face­book hat mich zu diesem Kurz­text inspiri­ert. Eine Schreibende schildert auf der Seite „Ich mach was mit Büch­ern“ ihren per­sön­lichen Schreibprozess. Und wie ist das eigentlich bei mir?

Als Jour­nal­istin gibt es ein­deutige Zwänge: 10, 20 oder 40 Zeilen unter ein Bild. 15 Zeichen im Titel. Oder Fer­tig­stel­lung bis zum Zeit­punkt X. Oder: Fürs bessere Zeilen­hono­rar noch zwanzig Zeilen her­auss­chin­den. Oder umgekehrt: Aus 100 Zeilen 30 machen. 🙂

Ich weiß, was ich zu tun habe – und tue es. Schreiben als Handw­erk also, nicht mehr und nicht weniger.

Doch „inspiri­ertes“ Schreiben? Es begin­nt nicht erst, wenn ich mich an den Com­put­er set­ze. Ich schreibe eigentlich immer.

Vorzugsweise beim Zug­fahren oder beim Aut­o­fahren oder beim Reisen: Das Unter­wegs-Sein stimmt mich kreativ. Land­schaften, Wolken und Men­schen, die vor­beiziehen. An denen ich vor­beiziehe. Meine Kreativ­ität hat oft etwas mit Vergänglichkeit zu tun – einen Ort, an dem ich ger­ade bin, hin­ter mir zurück­zu­lassen, und gle­ichzeit­ig eine Impres­sion dieses Ortes in eine Erin­nerung, eine Fan­tasie zu ver­wan­deln – und mitzunehmen.

Aber die Fan­tasie genügt nicht, sie macht das Schreiben allein nicht aus.

Es braucht For­mulierun­gen. Erste und let­zte Sätze vor allem. Diese gelin­gen mir häu­fig bei ein­er anderen, anstren­gen­deren Form der Fort­be­we­gung: beim Joggen im Wald. Das monot­o­ne Schritt-für-Schritt ver­leit­et mich, eine einzige For­mulierung, an der ich ger­ade hänge, hun­dert­mal zu verän­dern. Nicht ein­mal ist es passiert, dass ich meinen Kör­p­er, Regen­tropfen und knar­rende Baum­stämme ver­gaß über solchen Gedanken.

Doch auch mich selb­st und meine Umge­bung zu vergessen macht mein Schreiben noch nicht zur Gänze aus. Die For­mulierun­gen müssen sicht­bar wer­den, Form bekom­men.

Wenn ich mich schließlich an den Com­put­er set­ze, müssen meine Fan­tasie und meine Diszi­plin miteinan­der ver­schmelzen. Muss ich alle meine Teile zu einem Ganzen zusam­men­fü­gen, ohne sie zu kon­trol­lieren. Ich muss in einen Dia­log mit meinen „Teilen“ kom­men – qua­si in eine Art von schiz­o­phren­em Zus­tand.

Das also mag das „inspiri­erte Schreiben“, auf den Punkt gebracht, für mich sein: Mich einem Zus­tand auszuliefern, der auch mit Kon­trol­lver­lust ver­bun­den sein kann, vielle­icht sog­ar sein muss. Die Angst vor und die Sehn­sucht nach einem solchen Zus­tand hal­ten sich oft die Waage, manch­mal allerd­ings block­ieren sie einan­der gegen­seit­ig auch. Dann brauche ich wieder ein wenig Bewe­gung.

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