Reiseblog Sardinien 2010 — Tag 6: weiß


Das Weiß des heuti­gen Tages muss großteils unteil­bar bleiben…

Und so bin ich nach Calasetta gekom­men. Man muss diesen Ort nicht ken­nen. Das meiste Schöne auf dieser Welt bleibt einem sowieso für immer ver­bor­gen. Umso erfreulicher, etwas zu ent­decken, das in Reise­führern eher unter “Ferner liefen” beschrieben ist. Calasetta eben. Oder auch Carloforte. Fed­er­le­icht wie ein Stück weißer Kreide lag Calasetta heute da, unter einem schwarzen Gewit­ter­him­mel, am Rand einer kleinen Insel (die man auch nicht ken­nen muss) vor der großen Insel. Die Gäss­chen von Calasetta wirken aus­gestor­ben um die Mit­tagszeit, als ich hier ankomme. Git­ter­ar­tig und schnurg­er­ade sind sie angelegt, vor Jahrhun­derten zuerst erbaut von freigekauften Sklaven, ursprünglich Fis­cher aus Lig­urien. Was für ein Kon­trast: das exakte Sys­tem der weißen Straßen, und darüber die Anar­chie der schwarzen Gewit­ter­wolken. Nur zehn Kilo­me­ter übers Meer ent­fernt liegt Carloforte mit ähn­licher Geschichte, jedoch mit weniger Weiß und mehr Pastell, größerem Yachthafen und weniger Fis­cher­booten — und ohne Gewit­ter­him­mel, dafür mit einem hal­ben Regen­bo­gen, als ich am Hafen aussteige.

Ich habe schöne Auf­nah­men gemacht, die ich vielle­icht nie wieder sehen werde.

Im Zug zurück nach Cagliari habe ich meinen Fotoap­pa­rat samt Chip ver­loren. Ich bemerke es erst eine halbe Stunde nach der Ankunft. Nicht weil ich nachts noch fotografieren will, nein, plöt­zlich blitzt durch mein Hirn die Erin­nerung an das Geräusch eines auf den Boden fal­l­en­den Gegen­standes: Ich hatte beim Aussteigen vergessen, meinen Ruck­sack zu schließen, die Geld­börse plump­ste auf den Boden, ich hob sie auf und steckte sie wieder ein. Doch das besagte Geräusch kon­nte nicht von der Geld­börse sein – es musste ein härterer Gegen­stand gewe­sen sein, meine Kam­era (die ich aber nicht aufge­hoben hatte). Es ist so eine Art von Wis­sen oder Erken­nen, das nicht über­prüft wer­den muss, weil es so sicher ist. Natür­lich durch­suche ich meinen Ruck­sack trotzdem nach der Kam­era, aber die Ahnung (das Wis­sen? das Erken­nen?) bestätigt sich. Ich eile zurück zum Bahn­hof, der Zug mit der Num­mer 8997 ist natür­lich schon weg. Zwei Män­ner vom Reini­gungsper­sonal machen ein mitlei­di­ges Gesicht. Der eine sagt: „Lei­der verkaufen sie hier alles, was die Leute im Zug vergessen!“ Mit einem Schaffner vere­in­bare ich, dass ich mor­gen um 10 an der Bigli­et­te­ria noch mal fra­gen soll, ob eine Kam­era abgegeben wurde. Noja, der Ärger ist groß (vor allem wegen der ver­lore­nen Fotos), die Hoff­nung ist min­i­mal. Ich würde es ja ver­ste­hen, wenn hier alle Fund­stücke verkauft wer­den – Sar­dinien gehört zu den armen Regio­nen Ital­iens. Aber wenn sie mir doch wenig­stens meinen Chip zurück­geben wür­den…

Das Weiß von Calasetta, wie ich es erlebte, und der Regen­bo­gen von Carloforte wer­den wohl nur in meinem Kopf weiter existieren…-…nicht ganz ver­loren aber ganz unteil­bar.

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2. Novem­ber 2010: Car­bo­nia, Sant’Antioco, Calasetta, Carloforte. Das „Foto des Tages“ stammt von einem zweiten Chip und zeigt ein Fis­cher­boot im Hafen von Sant’ Anti­oco. Zum einen, weil ich kein anderes habe :(, zum anderen passst es trotzdem, denn der heutige Tag stand unter dem Motto „Fis­cherdör­fer“

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