„Lasse meine Figuren durchs Leben stolpern“

Kürz­lich haben Sie Ihren Erzähl­band „Höh­len­frau­en“ im Ver­lag Mil­let­re ver­öf­fent­licht. Was bedeu­tet das „ers­te Buch“ für eine jun­ge Schrift­stel­le­rin? Erfül­lung eines lang­jäh­ri­gen Trau­mes, Abschluss einer Schaf­fens­pe­ri­ode, neue Moti­va­ti­on – oder Schaffenspause?
Ger­traud Klemm: Alles ist rich­tig außer die Schaf­fens­pau­se. Es ist ein unheim­lich gutes Gefühl, end­lich sein eige­nes Buch in der Hand zu hal­ten, es wei­ter­ge­ben zu kön­nen, zu signie­ren… so etwas wie der mate­ri­el­le Beweis für die Leis­tung, die man erbracht hat. Jetzt kann ich mich wie­der voll auf mei­nen Roman konzentrieren.

Wie sind Ihre Erfah­run­gen beim Fin­den eines Ver­la­ges? Jun­ge unbe­kann­te AutorIn­nen haben es da wohl schwe­rer als eta­blier­te, gera­de in der heu­ti­gen Zeit, die sich ver­stärkt am Ver­kaufs­er­folg ori­en­tiert.… Braucht man Bezie­hun­gen oder genügt auch die Vor­la­ge eines inter­es­san­ten Textes?
Klemm: Es ist sehr schwer. Man soll­te sich auf Rück­schlä­ge ein­stel­len. Bezie­hun­gen sind sicher gut, aber nur, wenn das Manu­skript was taugt. Ich hat­te kei­ne Bezie­hun­gen und habe mit­un­ter Glück gehabt. Bevor man zu Schrei­ben beginnt, soll­te man sich fra­gen: wer soll den Text lesen? Spricht das The­ma irgend­je­man­den an? Ver­la­ge stel­len sich die sel­ben Fra­gen – so ein Buch soll sich ja ver­kau­fen. Wich­tig ist auch, dass man vor­sich­tig ist; es gibt eine Men­ge unse­riö­ser Pseu­do­ver­la­ge, die sich an den Autoren berei­chern. Wer ein­fach nur sein Buch in Hän­den hält, es unter Freun­den und Ver­wand­ten ver­tei­len will und kei­ne schrift­stel­le­ri­sche Kar­rie­re anstrebt, ist sicher mit book on demand oder Eigen­ver­lag gut bedient. In mei­nem Fall hat es sicher nicht gescha­det, dass ich schon ein paar Prei­se gemacht habe; damit weckt man das Inter­es­se der Lek­to­ren. Mil­let­re ist ein klei­ner Ver­lag – aber ich bin sehr zufrie­den. Mir war klar, dass ich mit einem Erzähl­band nicht bei dtv oder Suhr­kamp debü­tie­ren werde.

Ihre Höh­len­frau­en-Erzäh­lun­gen schei­nen mir zwi­schen All­täg­lich­keit und Absur­di­tät zu pen­deln. Mit lako­ni­schem, manch­mal fast flap­si­gem Stil beschrei­ben Sie gele­gent­lich auch Grenz­erfah­run­gen. Gibt es so etwas wie ein Gene­ral- oder Lebens­the­ma, das Sie mit Ihrem Schrei­ben aus­drü­cken wollen?
Klemm: Ich schrei­be ger­ne über das Minen­feld der mensch­li­chen Bezie­hun­gen. Und ich unter­hal­te ger­ne. Und ich las­se mei­ne Prot­ago­nis­ten ger­ne durchs Leben stol­pern – das fällt mir leicht, weil ich sel­ber so pat­schert bin. Aber ein rich­ti­ges Lebens­the­ma habe ich weder im Leben noch im Schreiben.
In mei­ner Schub­la­de sind ein paar Kon­zep­te, unter Ande­rem ein uto­pi­scher Roman über Kärn­ten – das wäre dann ein poli­ti­sches State­ment. Aber der ist erst nach dem Frau­en­ro­man dran.

An sich sind Sie ja Bio­lo­gin, also natur­wis­sen­schaft­lich ori­en­tiert. Und doch hat Sie die Muse geküsst…
Klemm: Die hat mich schon früh geküsst, aber ich habe immer den Kopf weg­ge­dreht.. geschrie­ben habe ich immer, aber nie ernst­haft. Bio­lo­gie, dach­te ich mir, ist mein Brot­be­ruf, das Musi­sche spa­re ich mir für die Frei­zeit. Es ist ein tol­les Stu­di­um und berei­chert mein Wis­sen unge­mein, und ich habe ger­ne als Bio­lo­gin gear­bei­tet. Aber es nicht das, was ich wirk­lich gut kann. Mei­ne Gut­ach­ten waren immer ein biss­chen pro­sa­isch – sehr zum Leid­we­sen mei­nes Chefs.

War es ein Zufall, dass die Ver­öf­fent­li­chung Ihres ers­ten Buches mit der Grün­dung des Lite­ra­tur­fo­rums „Wort­reich“ zusam­men­fiel? Was hat Sie zu „Wort­reich“ bewogen?
Klemm: Ja, ein tota­ler Zufall. In der Zeit fiel alles mög­li­che zusam­men. Ich woll­te mich in Baden mit Gleich­ge­sinn­ten aus­tau­schen und habe nie­man­den gekannt. Mei­ne Wie­ner Grup­pe ist toll und hat ein hohes Niveau, aber ich woll­te wis­sen, ob es in mei­ner Nähe Ähn­li­ches gibt. Der Zustrom war gewaltig.

Wie läuft’s bei Wort­reich? Kön­nen noch neue Leu­te mitmachen?
Klemm: Wir tref­fen uns vier­tel­jähr­lich und tau­schen uns aus – da kann noch jeder mit­ma­chen. Dann gibt es zwei Autorin­nen­grup­pen (komi­scher­wei­se sind kei­ne Män­ner dabei), die mit­ein­an­der ihre Tex­te dis­ku­tie­ren – die sind voll. Infos gibts über e‑mail unter wortreich06-autorengruppe@yahoo.de

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