Badens Theaterdirektor im Interview

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Les Mise­ra­bles ist eines der welt­weit meist­ge­spiel­ten Musi­cals. Was macht sei­nen Reiz aus?

Prof. Dr. Robert Herzl: Es ist ein sehr gutes Stck mit her­vor­ra­gen­der Musik. Ein Hit jagt den ande­ren. Auer­dem gibt es eine Flle von sehr guten Rol­len fr die Schau­spie­ler, die sich dar­um gera­de­zu rei­en. Und der Run auf Les Mise­ra­bles wird noch grer wer­den, weil es vor zwei Jah­ren urhe­ber­recht­lich frei­ge­ge­ben wur­de.

Wie legen Sie Ihre Insze­nie­rung an?

Herzl: Ich stel­le auf einer Art Shake­speare-Bhne die Men­schen und ihre Schick­sa­le in den Mit­tel­punkt. Die Shake­speare-Bhne ist rela­tiv deko­ra­ti­ons­los und in meh­re­re Bhnen­be­rei­che geglie­dert. Ursprn­glich war fr Les Mise­ra­bles ja eine Dreh­bh­ne zwin­gend vor­ge­schrie­ben, um das irre Tem­po der Geschich­te, die sich in einem Zeit­raum ber 30 Jah­re erstreckt, dar­zu­stel­len. Eine Dreh­bh­ne haben wir in Baden nicht. Wir arbei­ten dafr mit zwei Vorhn­gen, um abwech­seln­de Schau­plt­ze und eine schnel­le Sze­nen­fol­ge zu errei­chen. Neu ein­ge­bracht habe ich in die Insze­nie­rung den Ein­satz des Cho­res, das sind bei mir Les Mise­ra­bles, die Elen­den, die – in der Tra­di­ti­on der anti­ken Chre – das Gesche­hen kom­men­tie­ren.

Am 17. Febru­ar ist Pre­mie­re. Sind Sie als Regis­seur nervs?

Herzl (lacht): Sehr. So alt kann man gar nicht wer­den, dass man vor so einer Pre­mie­re kein Lam­pen­fie­ber hat.

Wol­len Sie den Evi­ta-Erfolg aus dem Vor­jahr mit Les Mise­ra­bles noch top­pen?

Herzl: Fr Evi­ta muss­ten wir fnf Zusatz­vor­stel­lun­gen ein­schie­ben. Es wre schn, die­sen Erfolg noch zu top­pen, wird aber schwer sein. Wenn wir heu­er gleich gut lie­gen, bin ich schon zufrie­den.

Die Evi­ta hat mit Maya Hak­vo­ort ein rich­ti­ger Star gesun­gen. Nun gibt es ja – auf­grund der Finanz­si­tua­ti­on – eine Abkehr vom Star­kult, wie Badens Brger­meis­ter Brei­nin­ger krz­lich sag­te. Hat man es da als knst­le­ri­scher Direk­tor etwas schwe­rer?

Herzl: Dari­us Mer­stein, der in Les Mise­ra­bles den Val­jean spielt, hat im Wie­ner Musi­cal­le­ben durch sei­nen Jekyll einen hnli­chen Sta­tus wie Maya Hak­vo­ort. Und ich bin sicher: Auch Chris Mur­ray als sein Gegen­spie­ler Javert wird nach die­ser Auffhrung bei uns genau so bekannt sein, wie er es schon in Deutsch­land ist. Dar­ber hin­aus sind vie­le Bade­ner Publi­kums­lieb­lin­ge in die­ser Insze­nie­rung zu sehen. Natrlich ist fr ein Thea­ter wie Baden klar, dass wir nicht die Gagen ande­rer Bhnen zah­len knnen. Und es ist auch schon vor­ge­kom­men, dass ver­ein­zelt Knst­ler und Knst­le­rin­nen gesagt haben, dass sie um die­ses Geld nicht spie­len. Ande­rer­seits gibt es vie­le, die ger­ne ein Enga­ge­ment in Baden anneh­men, wenn ihnen die Rol­le gefllt und sie gera­de eine Lcke haben.

Ist das eine Chan­ce fr jun­ge, noch nicht so bekann­te Schau­spie­le­rIn­nen und Snge­rIn­nen?

Herzl: Prin­zi­pi­ell ja. Aber ein­fach ist auch das nicht. Wirk­lich talen­tier­te jun­ge Leu­te sind ber­all hei begehrt. Es gibt ja auch noch ande­re Kul­tur­ver­an­stal­ter, die auf jun­ge Talen­te set­zen. Und wenn jemand wirk­lich beson­ders posi­tiv auf­fllt, ist er auch gleich wie­der auf eine groe Bhne wegen­ga­giert – wie z.B. Danie­la Fal­ly.

Ver­tra­gen sich Qua­litt und Spar­zwang?

Herzl: Klar gibt es eine Ver­bin­dung zwi­schen Qua­litt und Geld. Und es gibt eine Schmerz­gren­ze beim Spa­ren, die nicht unter­schrit­ten wer­den darf. Da ist die Genia­litt der kauf­mn­ni­schen Direk­to­rin Mar­ti­na Mal­zer gefragt. Ich sel­ber bin kein Freund der Kla­ge: Ich sage nicht: Bit­te, wir brau­chen Geld. Ich sage: Das muss es wert sein. Les Mise­ra­bles hat unser Bud­get ordent­lich gefor­dert, aber wir haben es geschafft, den Rah­men ein­zu­hal­ten.

Heu­er wer­den Sie nach eini­gen Jah­ren auch wie­der eine Oper fr die Frei­licht­bh­ne St. Mar­ga­re­then im Bur­gen­land insze­nie­ren – der Ver­di-Hit Nabuc­co soll es sein. Sie gel­ten als lei­den­schaft­li­cher Samm­ler von Opern-CDs. Wie­vie­le Nabuc­co-Ver­sio­nen haben Sie eigent­lich?

Herzl: Von Nabuc­co habe ich acht oder neun Kom­plett­auf­nah­men, die meis­ten, die es auf CD gibt. Unter ande­rem eine Auf­nah­me aus Nea­pel mit der unver­gess­li­chen Maria Cal­las. Ja, ich freue mich schon auf die­se Her­aus­for­de­rung. Die Pro­ben begin­nen im Juni, und es muss gelin­gen, dem Werk eben­so gerecht zu wer­den wie dem Spek­ta­kel-Cha­rak­ter, den sich das Publi­kum im Stein­bruch erwar­tet.

Zwi­schen­durch gab es poli­ti­sche Kri­tik, dass Sie als knst­le­ri­scher Direk­tor wenig Zeit fr das Bade­ner Thea­ter haben, wegen ande­rer Enga­ge­ments

Herzl: Ich erflle mei­nen Ver­trag kor­rekt. Der sieht unter ande­rem drei Herzl-Insze­nie­run­gen fr Baden pro Jahr vor. Mehr soll es auch nicht sein, den­ke ich. Mein Ver­trag erlaubt es mir, auf ande­ren Bhnen zu gas­tie­ren. Ich bin bei allen haus­ei­ge­nen Pro­duk­tio­nen selbst­verstnd­lich dabei und bin auch extra dafr nach Baden gezo­gen.

Im Gegen­satz zur Posi­ti­on des kauf­mn­ni­schen Direk­tors wur­de Ihre Posi­ti­on nicht aus­ge­schrie­ben. Sie wur­den von der Stadt­po­li­tik zum knst­le­ri­schen Direk­tor ernannt. Ist das in Ord­nung?

Herzl: Aus­schrei­bun­gen von Posi­tio­nen im knst­le­ri­schen Bereich sind fr mich eine Lcher­lich­keit, ein Unfug. Htte es eine Aus­schrei­bung gege­ben, htte ich mich nicht betei­ligt. Stel­len Sie sich nur vor, man nimmt neben eini­gen Mit­be­wer­bern an Hea­rings teil und siegt nicht. Die knst­le­ri­sche Lauf­bahn ist auf jeden Fall ange­patzt. Ich bin in die­se Posi­ti­on qua­si hin­ein­ge­wach­sen, weil ich vor­her schon knst­le­ri­scher Kon­su­lent von Direk­tor Frank­mann war.

Und letzt­lich auch, weil Sie ein Fan der Ope­ret­te sind

Herzl: Es war sei­ner­zeit eine poli­ti­sche Glcks­ent­schei­dung, Baden zur Ope­ret­ten­bh­ne zu machen. Nur mit die­ser Spe­zia­li­sie­rung konn­te man die­ses Thea­ter so nahe von Wien, wo es so vie­le groe Bhnen gibt, wei­ter erfolg­reich betrei­ben. Baden ist dank der Ope­ret­te als Thea­ter voll und ganz eta­bliert.

Wird die Ope­ret­te auch in 10 Jah­ren die Men­schen noch in Scha­ren anlo­cken?

Herzl: Das Poten­zi­al ist da. In einem Som­mer bringt Harald Sera­fin z.B. 200.000 Men­schen nach Mrbisch zur Ope­ret­te auf die Seebh­ne. Baden bie­tet qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Ope­ret­ten­pro­duk­tio­nen das gan­ze Jahr ber an, spe­zi­ell dann auch mit der Som­mer­are­na, wo wir dem Prin­zip des Som­mer­thea­ters gerecht wer­den: Thea­ter vor schnen std­ti­schen oder land­schaft­li­chen Kulis­sen. Und eines sage ich auch: Wenn es die Ope­ret­te ein­mal nicht mehr schafft, die Men­schen anzu­lo­cken, wird das Thea­ter ganz ster­ben.

Was soll es denn sein, was auch die heu­te 30-Jhri­gen ein­mal an der Ope­ret­te fas­zi­nie­ren soll? Die­ses Gen­re ent­zieht sich doch beharr­lich jeg­li­cher Moder­ni­sie­rung. Oder ken­nen Sie eine moder­ni­sier­te Ope­ret­ten-Insze­nie­rung?

Herzl: Ers­tens sind es die unsterb­li­chen Melo­di­en. Ope­ret­te ist Musik­thea­ter mit Ewig­keits­cha­rak­ter. Jede bes­se­re Ope­ret­te hat prin­zi­pi­ell mehr Hits, wenn man so sagen will, als so maches Musi­cal, das oft nur von einem oder zwei Ohr­wr­mern lebt. Zwei­tens lebt die Ope­ret­te von der Erzeu­gung einer Illu­si­on. Die Men­schen wol­len auf der Bhne sehen, wie es ein­mal war. Dar­um ist es auch sehr schwie­rig, zeit­geis­ti­ge Aspek­te – etwa bei den Dia­lo­gen oder beim Bhnen­bild – ein­zu­brin­gen. Das Ope­ret­ten­pu­bli­kum ist extrem thea­ter­be­geis­tert, aber es ist auch extrem emp­find­lich fr jeg­li­che Moder­ni­sie­run­gen. Drit­tens – und das ist viel­leicht am aller­wich­tigs­ten – schafft kein ande­res Gen­re eine hnli­che Ver­zau­be­rung des Publi­kums. Wer in die Ope­ret­te geht, wird glck­lich heim­ge­hen.

Wie erfolg­reich sind denn Ihre Ver­su­che, die Jugend fr die Ope­ret­te zu begeis­tern?

Herzl: Das Jugend-Abo wird sehr gut ange­nom­men. Immer wie­der sehe ich jun­ge Gesich­ter im Publi­kum. Ande­rer­seits muss man auch sagen, dass halt auch die Eltern etwas dazu bei­tra­gen mssen, dass sich die Kin­der ber­haupt fr Thea­ter und Ope­ret­te inter­es­sie­ren.

Es gibt ja immer wie­der Debat­ten, zust­zlich zur Ope­ret­te, auch ande­res im Stadt­thea­ter anzu­bie­ten.

Herzl: Htten wir das Bud­get, wrden wir gern Bade­ner Kam­mer­spie­le machen. Oder ein­mal einen Rai­mund oder Nes­troy auf die Bhne brin­gen. Lei­der geht nicht alles und es ist rich­tig, sich auf Ope­ret­te und Musi­cal zu kon­zen­trie­ren und Schau­spiel­pro­duk­tio­nen ein­zu­kau­fen. Lei­der ist auch das Foy­er im Thea­ter zu klein, um dort klei­ne­re, alter­na­ti­ve­re Ver­an­stal­tun­gen abzu­hal­ten. Alles geht eben nicht.

Heu­er im April gibt es ein Schau­spiel-Gast­spiel vom Lan­des­thea­ter St. Plten – Geor­ges Feyde­aus Kat­ze im Sack. Wer­den knf­tig auch Ope­ret­ten­pro­duk­tio­nen aus Baden in St. Plten zu sehen sein?

Herzl: Ein Kom­bi-Abo fr St. Plten und Baden gibt es bereits. Die Idee, mit ein­zel­nen Bade­ner Pro­duk­tio­nen auf Tour­nee zu gehen, also zum Bei­spiel auch nach St. Plten, ist schon alt und sicher nicht schlecht. Es bedrf­te aber ausfhr­lichs­ter Ver­hand­lun­gen und viel guten Wil­lens aller­seits.

Die Gerch­te, dass das Stadt­thea­ter bald ans Land fal­len wird, wol­len indes nicht ver­stum­men

Herzl: Der­zeit steht das nicht zur Dis­kus­si­on. Die Bade­ner Poli­tik steht, glaub ich, geschlos­sen hin­ter dem Bade­ner Stadt­thea­ter und tut alles, um es zu erhal­ten. Das schliet nicht aus, dass eines Tages alle Thea­ter im Land zusam­men­ge­schlos­sen wer­den. Auch so eine Form htte sicher ihre Vor­tei­le. Aber, wie gesagt, aktu­ell ist die Fra­ge der­zeit nicht. Die Men­schen in Baden sind sich wohl bewusst, dass sie mit dem Thea­ter so etwas wie ein Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ob­jekt haben. Frher hat­ten vie­le Orte ihr eige­nes Thea­ter. Vie­le wer­den heu­te kaum noch bespielt. Das ist doch scha­de. In Baden hat man das geschafft – dank der Ope­ret­te.

Ihr Ver­trag luft noch bis Ende 2008. Haben Sie schon Plne fr die Zeit danach?

Herzl: Wis­sen Sie, ich bin dann 69. In mei­nem Alter hal­te ich es fr ver­mes­sen, so weit in die Zukunft zu den­ken.

zur Pre­mie­re von „Les Mise­ra­bles“

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