Breiningers Abschieds-Interview

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Seit Ihrer Rck­tritts­er­klrung sind schon wie­der eini­ge Wochen ver­gan­gen. Haben Sie Ihren Schritt schon rea­li­siert?
Brger­meis­ter August Brei­nin­ger: Ich habe bis zu mei­nem letz­ten Amts­tag am 17. Juni noch viel zu tun. Geis­tig habe ich mei­nen Schritt schon rea­li­siert. Ich bin ent­spannt, plau­de­re ger­ne mit den Leu­ten – und ich bin arbeits­lus­tig!

Ihre Frau hat bei Ihnen einen Pen­si­ons­schock befrch­tet..
Brei­nin­ger: Sie glaubt, dass sie mich bes­ser kennt als ich mich selbst. Mag sein. Ich bin immer­hin seit 37 Jah­ren in der Poli­tik, und immer in Ent­schei­dungs­po­si­tio­nen. Gefan­gen vom Ter­min­ka­len­der. Jede Stun­de eine Sit­zung. Ich muss sicher eine neue Lebens­pla­nung fr mich fin­den, ab nun.

Der Pen­si­ons­schock hat ja viel damit zu tun, dass man rea­li­siert, in den letz­ten Lebens­ab­schnitt – das Alter – ber­zu­wech­seln. Wie ist das bei Ihnen?Brei­nin­ger: Ich bin immer noch Sohn. Mei­ne Mut­ter ist 97, lei­der geht es ihr nicht gut. Solan­ge man noch Sohn ist, fhlt man sich nicht so alt…

Waren Sie als Poli­ti­ker ein Wor­k­a­ho­lic?
Brei­nin­ger: Als Kind und als Jugend­li­cher war ich eigent­lich nicht flei­ig. Aber sptes­tens seit mei­nem Berufs­ein­tritt und seit der ber­nah­me ffent­li­cher Funk­tio­nen habe ich mich – nicht zuletzt durch die ffent­li­che Kon­trol­le – schlie­lich zum Worko­ho­lic ent­wi­ckelt. Flei und Aus­dau­er sind also durch Beruf erzwun­gen.

Haben Sie es nicht auch genos­sen, so viel Ein­fluss zu haben?
Brei­nin­ger: Natrlich. Ich habe die Stadt kom­men­tiert und mode­riert. Das wird fr mich die rgs­te Hrde wer­den – jetzt zuzu­schau­en, wie es die ande­ren, mei­ne Nach­fol­ger machen. Fr mich hat immer das Leo­pol­di-Lied aus Weis­ses Rssl gegol­ten: Zua­schaun kaun i net… Ich will mich aber auch in Zukunft nicht ver­ste­cken. Wenn ich auch nicht in der ers­ten Rei­he sit­zen wer­de.

Gab es im Zuge Ihres frei­wil­li­gen Man­dats­ver­zich­tes Din­ge, die Sie nicht ffent­lich gesagt haben? Gibt es offe­ne Rech­nun­gen mit poli­ti­schen Geg­nern? Oder sind Sie ganz mit sich und Ihrer Umwelt im Rei­nen?
Brei­nin­ger: Ich habe mir jene Grn­de notiert, die fr mei­nen Rck­zug aus der Poli­tik spre­chen. Und auch sol­che, die dage­gen spre­chen. Dar­aus habe ich Schluss­fol­ge­run­gen gezo­gen. Ich glau­be, dass ich den rich­ti­gen Zeit­punkt gewhlt habe. Und das sagen mir die meis­ten Men­schen auch. Etwa unter dem Mot­to Wenns am schns­ten ist, soll man auf­hren.

Ihr Gemein­de­rat Fer­di­nand Trt­scher hat Sie als Son­nen­knig titu­liert. Schmerzt Sie das?
Brei­nin­ger: Nein. Dank­bar­keit zhlt offen­bar wenig in der Poli­tik. Mir fllt zu die­sem Aus­spruch die Bibel ein. Einen gibts immer… Ein Quer­ein­stei­ger will sich halt pro­fi­lie­ren. Viel­leicht ist er ent­tuscht, weil er meint, ich sei fr sei­ne Hal­le nicht genug gelau­fen. Es steht ihm ja frei, sie zu rea­li­sie­ren. Eines ist aber auch klar: Ich brau­che kei­nen Pur­pur, kei­ne Kro­ne und kein Podestl. Ich bin kein Son­nen­knig, wenn­gleich ich in der Poli­tik die Per­son immer vor die Par­tei gestellt habe. Die Men­schen wol­len Per­so­nen in Akti­on sehen, nicht Par­tei­en. Mit Per­so­nen iden­ti­fi­ziert man Auf­tritt und Chan­cen einer Stadt.

Ein ande­rer poli­ti­scher Wider­sa­cher, Jowi Tren­ner, kri­ti­siert, dass es am 13. Juni die letz­te von Ihnen gelei­te­te Gemein­de­rats­sit­zung geben wird, und dass am 26. Juni in einer Son­der­sit­zung die Neu­wahl erfolgt. Geld­ver­schwen­dung, sagt Tren­ner. Jede Gemein­de­rats­sit­zung wrde 36.000 Euro kos­ten…
Brei­nin­ger: Ich hal­te das fr eine krau­se, ber­trie­be­ne Pro­gno­se. Die noch dazu ein­deu­tig von fal­schen Vor­aus­set­zun­gen aus­geht. Im Gemein­de­rat sind 41 Man­da­ta­re, davon sind 30 ein­fa­che Gemein­der­te. Die bekom­men pro Sit­zung eine gesetz­lich begrenz­te Auf­wands­entsch­di­gung. Die Stadtrte und der Brger­meis­ter bekom­men eine monat­li­che Auf­wands­entsch­di­gung, unabhn­gig davon, wie vie­le Sit­zun­gen im Monat statt­fin­den. Dar­ber hin­aus gibt es ja nicht nur Gemein­de­rats­sit­zun­gen, son­dern auch Klub­sit­zun­gen, Aus­schuss­sit­zun­gen etc. Ich fin­de, mei­ne letz­te Arbeits­sit­zung am 13. Juni und die Neu­wahl am 26. Juni geh­ren getrennt. Und das ist auch die Mei­nung der meis­ten Poli­ti­ker.

Sie schla­gen mit Eri­ka Aden­sa­mer erst­mals eine Frau als Brger­meis­te­rin fr Baden vor. Was hal­ten Sie als kon­ser­va­ti­ver Poli­ti­ker ber­haupt von weib­li­chen Polit- und Berufs­kar­rie­ren? Geh­ren Frau­en nicht doch eher an den Herd?
Brei­nin­ger: Eri­ka Aden­sa­mer wird ihren Stil fin­den, an den Her­aus­for­de­run­gen wach­sen. Klu­ge Frau­en bekom­men den Platz im Berufs- und Polit­le­ben, der ihnen zusteht. Eman­zi­pa­ti­on heit fr mich, wenn man nicht mehr dar­an den­ken muss, ob ein Mann oder eine Frau eine Posi­ti­on bekommt. Dar­ber hin­aus leb­ten in Baden die ers­ten Frau­en Euro­pas, die sich fr die Eman­zi­pa­ti­on ein­ge­setzt haben.

Wie weit ist die Eman­zi­pa­ti­on zu Ihnen durch­ge­drun­gen? Knnen Sie kochen und bge­ln?
Brei­nin­ger (lacht): Weder noch. Ich kann aber auch nicht wirk­lich heim­wer­ken. Frher hab ich nicht ein­mal gewusst, dass man einen Tee­beu­tel nicht auf­schnei­den darf. Das wei ich inzwi­schen. Aber wenn mir mal nie­mand das Frhstck macht, gehe ich auch heu­te noch in die Kon­di­to­rei. An sich brauch ich nicht viel, ein But­ter­brot gengt mir schon. Aber ich habe das Glck gehabt, dass der­lei Din­ge immer fr mich erle­digt wur­den. So konn­te ich mei­ne Zeit fr ande­res ver­wen­den.

Zum Bei­spiel fr die Phi­lo­so­phie. Was fas­zi­niert Sie so an Ihrem Stu­di­um, das Sie ja jetzt inten­si­vie­ren wol­len? Ist die Nei­gung zur Phi­lo­so­phie eine Alters­er­schei­nung?
Brei­nin­ger: An der Phi­lo­so­phie inter­es­siert mich die Uni­ver­sa­litt. Eine Alters­er­schei­nung ist sie mei­nes Erach­tens nicht. Die Phi­lo­so­phie hat mich immer schon inter­es­siert. Wobei ich aber heu­te zuge­be, dass ich 1965 anstel­le von Thea­ter­wis­sen­schaft und Jura doch lie­ber schon mit dem Phi­lo­so­phie­stu­di­um begin­nen htte sol­len, was ich dann auch ab 2005 tat.

Sie wol­len das Stu­di­um mit einem Magis­ter-Titel abschlie­en. Worber wrden Sie am liebs­ten Ihre Diplom­ar­beit schrei­ben?
Brei­nin­ger: Das The­ma steht sogar schon fest: Kon­struk­ti­ver Rea­lis­mus in ange­wand­ter Kom­mu­nal­po­li­tik, was so viel bedeu­tet wie: Sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung bei Pro­bleml­s­un­gen im All­tag.

Da knnen Sie ja aus einem rei­chen Erfah­rungs­schatz schpfen…
Brei­nin­ger: Schon. Aber ich muss es auch sys­te­ma­tisch ange­hen. Es soll ja ein Buch, ein wis­sen­schaft­li­ches Werk wer­den, kei­ne Anek­do­ten­samm­lung…

Sie wol­len aber auch weni­ger wis­sen­schaft­li­che Bcher schrei­ben in der Pen­si­on…
Brei­nin­ger: Ja. Zwei Pro­jek­te schwe­ben mir vor: Ein auto­bio­gra­fi­sches Werk, aus Bade­ner Sicht. Und ein anek­do­ti­sches Werk ber die Kul­tur- und Polit­sze­ne Nie­ders­terreichs. Zuvor muss ich aber tau­sen­de hand­schrift­li­che Noti­zen sor­tie­ren. Viel Arbeit…

Apro­pos Kul­tur. Wer­den Sie die enge Bezie­hung zum Stadt­thea­ter knf­tig ver­mis­sen?
Brei­nin­ger: Ich hof­fe, ich kann dem Thea­ter als so etwas wie ein ehren­amt­li­cher Dra­ma­turg erhal­ten blei­ben. Die Bhne hat mich immer fas­zi­niert. Das bro­kra­ti­sche Drum­her­um hat mich eher des­il­lu­sio­niert.

Krz­lich sind wir uns ja im Olym­pia-Kino begeg­net. Beim Sta­si-ber­wa­chungs-Film Das Leben der ande­ren, des­sen Idee bekannt­lich im Stift Hei­li­gen­kreuz gebo­ren wur­de. Wie hat Ihnen der Film gefal­len?

Brei­nin­ger: Sehr, sehr gut. Ich habe im Kino eine ande­re Welt erlebt. Anschlie­end habe ich dem Regis­seur, Flo­ri­an Hen­kel-Don­ners­mark geschrie­ben und ihm gra­tu­liert. Wir wer­den viel­leicht noch pers­n­lich dar­ber spre­chen knnen, gemein­sam mit sei­nem Onkel, dem Abt von Hei­li­gen­kreuz.

In dem Film geht es viel um Videober­wa­chung, die ja auch fr Baden eine Zeit lang dis­ku­tiert wur­de. Wie stehts damit?
Brei­nin­ger: Es gibt den Antrag auf Videober­wa­chung fr meh­re­re Plt­ze in Baden. Ich fin­de es aber gut, dass das Innen­mi­nis­te­ri­um jetzt sehr sorg­fl­tig mit Bewil­li­gun­gen umgeht. Ich pers­n­lich fin­de, man soll­te das nicht bertrei­ben. Denn ein so tol­les Sicher­heits­in­stru­ment ist die Videober­wa­chung sicher nicht. Und es muss gewhr­leis­tet sein, dass pers­n­li­che Rech­te nicht ein­ge­schrnkt wer­den. Sonst ver­folgt uns Orwells Gro­er Bru­der ber­all hin…

Sie waren aus mei­ner Sicht – immer­hin bin ich eben­so lang bei der RUNDSCHAU wie Sie Brger­meis­ter sind – immer ein authen­ti­scher Poli­ti­ker, sie haben sich auch nicht gescheut, ber Ihre Befind­lich­kei­ten zu spre­chen. Eine Qua­litt, die heut­zu­ta­ge immer sel­te­ner wird, in einer Zeit des all­ge­mei­nen Funk­tio­nie­ren-Mssens…
Brei­nin­ger: Authen­ti­zitt ist den Leu­ten abge­whnt wor­den, das stimmt wohl. Ich mch­te Per­so­nen wie Hel­mut Zilk, Ephraim Kis­hon oder Mar­cel Pra­wy zitie­ren, die sich getraut haben, auch Din­ge gegen den Zeit­geist zu sagen – das ist es, was in Erin­ne­rung bleibt. Das macht einen authen­ti­schen Men­schen aus. Ohne mich mit die­sen Gro­en ver­glei­chen zu wol­len: Aber wel­cher Mann gesteht heu­te noch ein, dass er nicht kochen kann und will? Ich schon, wie ich Ihnen ja zuvor gestan­den habe…

Gibt es Men­schen, die fr Sie pers­n­lich Vor­bil­der waren?
Brei­nin­ger: Ich fand sie alle in Baden. Beim Klas­sen­vor­stand im Gym­na­si­um, Dr. Zeugswet­ter – mit sei­ner Diplo­ma­tie und Rhe­to­rik. Bei Kor­ne­li­us Fleisch­mann mit sei­ner Weis­heit. In Vik­tor Wall­ner mit sei­ner Ziel­stre­big­keit und Kon­se­quenz. Und in Krsch­ner­meis­ter Franz Demel mit sei­ner Zivil­cou­ra­ge und mit sei­nem gesun­den Haus­ver­stand.

Die Bewah­rung der Gesund­heit war ein wich­ti­ger Grund fr Ihren Amts­ver­zicht. Unter ande­rem haben Sie das Rau­chen auf­ge­ge­ben. Wie geht es Ihnen jetzt damit?
Brei­nin­ger: Am 19. Febru­ar, beim Opern­ball, hab ich mei­ne letz­te Ziga­ret­te geraucht. Man kann ja nicht sagen, dass ich schtig war, ich war eher so ein Gesell­schafts­rau­cher. Und ich ver­mis­se es heu­te auch noch sehr, wenn ich mit Stu­den­ten beim Bier sit­ze und ins Phi­lo­so­phie­ren kom­me. Es war schon sehr schn, sich dann eine anrau­chen zu knnen. Aber wenn ich nur eine ein­zi­ge neh­men wrde, wre ich wie­der in mei­nem alten Trott drin.

Spren Sie einen Effekt? Fhlen Sie sich ohne Rauch bes­ser?
Brei­nin­ger: Eigent­lich mer­ke ich kei­nen Unter­schied. Ich habe zum Bei­spiel nicht zuge­nom­men, aber lei­der auch nicht abge­nom­men. Was auch gut fr mich wre…

In den 19 Jah­ren Ihrer Brger­meis­ter-Ttig­keit: Was hat sich gesell­schaft­lich und atmo­s­phrisch gen­dert ?
Brei­nin­ger: Baden hat sich nach Ansicht sei­ner Besu­cher belebt, sowohl was das Stadt­bild als auch die Sze­ne betrifft. In der Medi­en­ar­beit haben wir nach dem Zwie­bel­sys­tem gear­bei­tet – das war mei­ne Erfin­dung: Zunchst die loka­len Medi­en bedie­nen, dann die etwas ber­re­gio­na­le­ren, die gre­ren und zuletzt sind dann auch die gro­en Medi­en gele­gent­lich auf uns auf­merk­sam gewor­den.

Haben sich die Genera­tio­nen­kon­flik­te in Baden gelegt? Es gibt ja immer noch emprte Anru­fe, wenn es ein­mal wo lau­ter zugeht?
Brei­nin­ger: Wir haben heu­te 20 bis 30 sai­so­na­le Fes­te pro Jahr. Ich glau­be, auch bei der lte­ren Genera­ti­on ist ein gewis­ser Gewh­nungs­ef­fekt ein­ge­tre­ten und die Kon­flik­te haben sich beru­higt, wenn auch nicht wirk­lich gelegt. Ich glau­be aber nach wie vor, dass es rum­lich und zeit­lich mglich sein muss, Ruhe zu fin­den und zu haben. Total rund um die Uhr in die Gegend drhnen – das geht nicht. Da wird man kaputt.

Und wor­in sehen Sie die Haupt­pro­ble­me der moder­nen Gesell­schaft ganz all­ge­mein? Das fra­ge ich Sie jetzt als Phi­lo­so­phen.
Brei­nin­ger: Im moder­nen Rela­ti­vis­mus – die­ses Den­ken, alles ist wurscht und man will nur sei­ne Ruhe haben – ist schon sehr pro­ble­ma­tisch. Immer weni­ger Men­schen haben den Mumm, ihre eige­ne Posi­ti­on zu ver­tre­ten. Und auer­dem hal­te ich die herr­schen­de Schein­mo­ral fr ein Pro­blem: Alle wol­len als Gut­men­schen daste­hen. Ich mei­ne damit nicht die wirk­li­chen Gut­men­schen, son­dern die, die es nur nach auen hin sein wol­len. Und von denen gibt es vie­le.

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