Psychiatrie: Politik liegt sich in den Haaren

Im Land des Sig­mund Freud ist es auch 68 Jah­re nach sei­nem Tod schein­bar nicht ein­fach, mit den „Krank­hei­ten der See­le“ sach­lich umzu­ge­hen. Wegen der geplan­ten Errich­tung einer Psych­ia­trie auf den Mel­ker­grün­den gehen wei­ter poli­tisch die Wogen hoch.

Im Inter­view der Vor­wo­che ver­such­te der Ärz­te-Chef des Bade­ner Ther­men­kli­ni­kums, Johann Pidlich, die größ­te Angst zu zer­streu­en: Psy­chisch kran­ke Straf­tä­ter (einst als „geis­tig abnor­me Rechts­bre­cher“ dämo­ni­siert) kom­men nicht nach Baden, son­dern nach Amstet­ten-Mau­er. In der Bade­ner Psych­ia­trie wer­den Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen (Schi­zo­phre­ni­en, Angst­stö­run­gen, Alters­er­kran­kun­gen etc.) sta­tio­när, tages­kli­nisch oder ambu­lant betreut.

Dezen­tra­li­sie­rung

Die so genann­te „wohn­ort­na­he“ Psych­ia­trie ist ein Kon­zept des Lan­des, sie soll – auch gemäß den Vor­stel­lun­gen der EU – der Stig­ma­ti­sie­rung ent­ge­gen­wir­ken und die Lan­des­kli­nik in Gug­ging durch meh­re­re dezen­tra­le Ein­rich­tun­gen ersetzen.

So weit so gut. Dann wur­de (schlep­pend) bekannt, dass die Bade­ner Psych­ia­trie – bis das neue Spi­tal fer­tig ist – vor­über­ge­hend auf die Mel­ker­grün­de kommt. Es kam sofort zu besorg­ten Reak­tio­nen von Anrai­nern. Und auch die Poli­tik misch­te sich ein.

„Sorg­fäl­ti­ge Auswahl“

„wir badener“-Gemeinderätin Chris­ti­ne Wit­ty griff in einer Aus­sendung die Ängs­te der Bevöl­ke­rung auf, mahn­te zur „Vor­sicht bei der Aus­wahl der Pati­en­ten“ und kri­ti­sier­te die „Geheim­po­li­tik“. Außer­dem hält sie die Wid­mung nicht für korrekt.

Auf die­se Aus­sendung gab es Kri­tik von Bür­ger­meis­te­rin Ade­n­sa­mer (ÖVP). Sie kri­ti­sier­te Wit­ty wegen „Lust am Ver­het­zen und Men­schen­ver­ach­tung“. Auch die SPÖ kann dem Stil der „wir bade­ner“ nichts abge­win­nen. Klub­che­fin Maria Ret­ten­ba­cher: „Ich ver­ur­tei­le die­se Angst­po­li­tik gewis­ser Gruppen.“

„wir badener“-Stadtrat Jowi Tren­ner bricht eine Lan­ze für sei­ne Gemein­de­rä­tin: Per offe­nem Brief an Eri­ka Ade­n­sa­mer meint er, die Bür­ger­meis­te­rin suche „mit einer vul­gä­ren Wort­wahl gegen­über einer gewähl­ten Gemein­de­rä­tin einen Sün­den­bock für die eige­nen Ver­säum­nis­se“. Gemeint sind damit eben die Geheim­nis­krä­me­rei und die unkor­rek­te Flä­chen­wid­mung, die für eine „geschlos­se­ne Kran­ken­an­stalt“ nicht geeig­net sei. 

Zu wenig Information!

In einem Punkt sind sich sowohl SPÖ, „wir bade­ner“ und Grü­ne aber einig: Die Infor­ma­ti­ons­po­li­tik sei unge­nü­gend gewe­sen und habe die vor­han­de­nen Ängs­te noch zusätz­lich geschürt. Maria Ret­ten­ba­cher (SPÖ): „Es wäre Zeit genug gewe­sen, im Amts­blatt alles sach­lich dar­zu­stel­len. Alles Neue schürt Ängs­te in den Men­schen, und da muss man dar­auf ein­ge­hen. Ich bin nicht der Mei­nung der Bür­ger­meis­te­rin, dass die Psych­ia­trie Lan­des­sa­che sei. Wir sind Stadt­po­li­ti­ker, und wir müs­sen das Bes­te für die Bür­ge­rIn­nen tun. Sonst wird ja auch immer jah­re­lan­ge Ankün­di­gungs­po­li­tik betrie­ben.“ Die Grü­ne Dr. Hel­ga Kris­mer ver­misst gar – nicht ohne gewis­se Süf­fi­sanz – „einen offi­zi­el­len Spatenstich“.

Nicht mehr Bedrohung!“

Stadt-Che­fin Eri­ka Ade­n­sa­mer bleibt dabei: „Als Abge­ord­ne­te wur­de ich natür­lich infor­miert. Aber die Infor­ma­ti­on ist in die­ser Ange­le­gen­heit Sache der Lan­des­kli­ni­ken-Hol­ding. Sie ist klar und infor­ma­tiv durch Pri­mar Pidlich erfolgt.“ 

Zum The­ma „Bedro­hung“ meint Ade­n­sa­mer: „Es gibt in Baden durch die psych­ia­tri­sche Abtei­lung nicht mehr Bedro­hung als bis­her, sprich, es kann in jeder Umge­bung zu jeder Zeit plötz­lich jemand „durch­dre­hen“. Wer bereits in sta­tio­nä­rer Behand­lung ist, läuft nicht mehr Gefahr, plötz­lich „durch­zu­dre­hen“. Pro­ble­ma­ti­scher ist es, wenn jemand sich nicht behan­deln lässt, weil er z.B. Angst davor hat, in der Gesell­schaft als „ver­rückt“ stig­ma­ti­siert zu werden.“


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