Kopftuch, Kirchturm, Kaiserschmarr’n

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von links: Dr. Mar­tin Jägg­le, Car­la Ami­na Bag­haja­ti, Wolf­gang Öster­rei­cher, Hans Rauscher 

Kopf­tuch – Kirch­turm – Kaiserschmarr’n: Für jeden die­ser drei Begrif­fe saß ein pro­mi­nen­ter Refe­rent am Podi­um. Die Grü­nen hat­ten ihren dies­jäh­ri­gen Lite­ra­tur­herbst unter das Mot­to „Begeg­nung der Kul­tu­ren“ gestellt. Eine span­nen­de Dis­kus­si­on stand am Ende der drei­tä­gi­gen Veranstaltung.

„Kopf­tuch“ trug Car­la Ami­na Bag­haja­ti, Spre­che­rin der Isla­mi­schen Glau­bens­ge­mein­schaft in Öster­reich. Den „Kirch­turm“ soll­te der Theo­lo­ge Dr. Mar­tin Jägg­le reprä­sen­tie­ren. Und der Star-Jour­na­list Hans Rau­scher war „Vol­kes Stim­me“ – also der „Kaiserschmarr’n“. Drei Men­schen, drei Zugän­ge zur „Begeg­nung der Kulturen“…

 

Car­la Ami­na Bag­haja­ti warb für ein bes­se­res Ver­ständ­nis des Islam und beton­te des­sen fried­li­che und huma­ne Aspek­te. Sie wies aber auch dar­auf hin, dass die Reli­gio­nen nicht aus­schließ­lich und gene­rell für alles Heil und Unheil auf der Welt ver­ant­wort­lich gemacht wer­den soll­ten. Die wich­tigs­ten Fra­gen, die das Publi­kum an sie rich­te­te, betra­fen einer­seits „Zwangs-Ehen“, von denen sich Bag­haja­ti als „Tor zur Ver­ge­wal­ti­gung“ deut­lich distan­ziert, und ande­rer­seits das „Kopf­tuch“, das Bag­haja­ti als reli­giö­ses Sym­bol, aber auch als modi­schen und selbst­be­wuss­ten Aus­druck jun­ger Mus­li­min­nen ver­stan­den wis­sen will.

 

In knap­pen und dabei über­aus prä­gnan­ten Wor­ten setz­te sich der Theo­lo­ge Dr. Jägg­le mit phi­lo­so­phi­schen Fra­gen aus­ein­an­der. „In der Nor­ma­li­tät gibt es kein Ler­nen. Erst an der Gren­ze, anhand von Ver­schie­den­hei­ten, ergibt sich Erkennt­nis.“ So einer sei­ner Sät­ze. Oder ein ande­rer: „Dia­log bringt bes­se­res Ver­ständ­nis, es kann aber auch zu Kon­kur­renz kom­men, auf der Suche nach der Wahr­heit. Jeden­falls übt man im Dia­log, dass das Frem­de sei­ne Berech­ti­gung hat, auch wenn man es für sich selbst nicht anneh­men kann.“ Zum The­ma „Zwangs-Ehe“ mein­te Jägg­le: „Es ist ein Ver­dienst der Medi­en, dass dar­über gespro­chen wird. Es ist aber auch den Medi­en anzu­las­ten, dass man die­ses Pro­blem nur mit dem mus­li­mi­schen Kul­tur­kreis in Ver­bin­dung bringt. Es gibt Zwangs-Ehen auch in christ­li­chen Kulturen.“

 

Hans Rau­scher, der „Kaiserschmarr’n‑Repräsentant“ am Podi­um, wünscht sich zur Ver­wirk­li­chung einer uto­pi­schen „bes­ten aller Wel­ten“ einen „Dia­log der Rea­li­tä­ten“. Denn: „Der Dia­log der Reli­gio­nen funk­tio­niert bereits, vor allem in gebil­de­ten Krei­sen. Der Dia­log der Rea­li­tä­ten hinkt nach. Ich wün­sche mir, dass sich Offen­heit und freie Ent­schei­dung durch­set­zen sol­len. Die Mus­li­me sol­len welt­li­cher werden.“

In mir selbst blieb nach die­ser Dis­kus­si­on vor allem der Wunsch, end­lich ein­mal eine Wer­te-Debat­te unab­hän­gig von allen Reli­gio­nen füh­ren zu können.

Nächs­ten­lie­be, Gewalt­frei­heit, sozia­le Gerech­tig­keit, Tole­ranz und Offen­heit soll­ten doch auch ihre Berech­ti­gung ohne Beru­fung auf eine aller­höchs­te „Instanz“ haben können…

Wolf­gang Öster­rei­cher war ein ein­fühl­sa­mer Mode­ra­tor. Er ver­ab­säum­te nicht, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die­ser Dis­kus­si­ons­abend am 9. Novem­ber 2007 statt­fand. Exakt 69 Jah­re nach der so genann­ten „Reichs­kris­tall­nacht“, in der auch die Bade­ner Syn­ago­ge zer­stört wurde

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