Integration ja, aber wie?

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11 Pro­zent der NÖ-Bevöl­ke­rung sind Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. In man­chen Gemein­den unse­res Bezir­kes liegt der Anteil der aus­län­di­schen Bevöl­ke­rung sogar noch höher. Sind Kon­flik­te vor­pro­gram­miert? Wo kann Inte­gra­ti­ons­po­li­tik anset­zen? Der Leobers­dor­fer Erd­al Kalay­ci, 26, öster­rei­chi­scher Staats­bür­ger mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, ist Grün-Gemein­de­rat in sei­ner Hei­mat­ge­mein­de und hat soeben als Stu­dent der Poli­tik­wis­sen­schaft sei­ne Diplom­ar­beit über „kom­mu­na­le Inte­gra­ti­ons­mo­del­le“ fer­tig gestellt (sie­he Bild oben). Wel­che Ant­wor­ten hat er auf die­se bren­nen­de Fra­ge unse­rer Zeit? Ein Interview.

In Ihrem Hei­mat­ort Leobers­dorf beklag­te kürz­lich Bür­ger­meis­ter Bosch, dass sehr vie­le tür­ki­sche Kin­der­gar­ten­kin­der nicht Deutsch spre­chen. Und sogar in der Volks­schu­le noch nicht….

Kalay­ci: Sprach­wis­sen­schaf­ter sagen, dass man zunächst die Mut­ter­spra­che gut beherr­schen muss, zumin­dest in ihren Grund­fer­tig­kei­ten. Erst dar­auf auf­bau­end kann eine Fremd­spra­che erlernt wer­den. Stu­di­en haben erge­ben, dass gera­de in tür­ki­schen Fami­li­en Kin­der von über­eif­ri­gen Eltern zum Deutsch-Spre­chen ani­miert wer­den. Dabei kön­nen die Eltern es selbst nur schlecht. Ex-jugo­sla­wi­sche Fami­li­en leh­ren ihre Kin­der selbst­be­wusst bos­nisch oder ser­bo­kroa­tisch. Die­se Kin­der kön­nen spä­ter erwie­se­ner­ma­ßen bes­ser die Fremd­spra­che Deutsch ler­nen, und sie haben auch ein bes­se­res Selbst­be­wusst­sein. Es sol­len näm­lich Eltern ihren Kin­dern die Spra­che bei­brin­gen, die sie selbst am bes­ten spre­chen. Das ist die bes­te Basis. Ansons­ten kann man am Ende weder die Mut­ter­spra­che gut noch die Fremd­spra­che, man ist nir­gends verwurzelt.

Ein Blick nach Kot­ting­brunn. Dort ist gera­de eine Debat­te um Eng­lisch im Kin­der­gar­ten ent­stan­den. Die Grü­nen wol­len, dass Eng­lisch im Kin­der­gar­ten ange­bo­ten wird. Die Gemein­de­füh­rung sagt, das hat Zeit, es gebe so vie­le tür­ki­sche Kin­der, die nicht Deutsch kön­nen. Wer hat Recht?

Kalay­ci: Nie­mand hat recht, aus Sicht der Sprach­wis­sen­schaft. Eng­lisch im Kin­der­gar­ten ist über­trie­ben. Wich­tig ist, dass öster­rei­chi­sche Kin­der sat­tel­fest in ihrer Mut­ter­spra­che Deutsch wer­den. Es gin­ge aber auch dar­um, tür­ki­schen Kin­dern die Mög­lich­keit zu geben, sat­tel­fest in tür­kisch zu wer­den. Erst dar­auf auf­bau­end ist das Erler­nen einer Fremd­spra­che mög­lich, wie ich schon sag­te. Der Schlüs­sel dazu heißt: inter­kul­tu­rel­les Ler­nen. Tür­ki­sche Kin­der­gar­ten­kin­der brau­chen erst die Grund­fer­tig­kei­ten in ihrer eige­nen Sprache.

Nun nach Hir­ten­berg. Dort gibt es einen sehr hohen Anteil aus­län­di­scher Bevöl­ke­rung, vor allem tür­ki­scher. Prompt hat die FPÖ bei den letz­ten Wah­len einen explo­si­ons­ar­ti­gen Stim­men­zu­wachs bekom­men. Irren sich so vie­le WählerInnen?

Kalay­ci: Es sind nicht tür­ki­sche Men­schen per se, die ein Pro­blem machen. Es sind sozia­le Pro­ble­me, die auf­ein­an­der­tref­fen. Die meis­ten Tür­kIn­nen und Öster­rei­che­rIn­nen in Hir­ten­berg gehö­ren unte­ren sozia­len Schich­ten an. Unter­su­chun­gen zei­gen, dass Aus­län­der­hass und Ras­sis­mus in gebil­de­te­ren Schich­ten, wo es die bes­se­ren Jobs und Wohn­ver­hält­nis­se gibt, weni­ger vor­kom­men. Das hat damit zu tun, dass unte­re sozia­le Schich­ten mit­ein­an­der um die Jobs kon­kur­rie­ren müs­sen. Dar­um hat auch die FPÖ in Hir­ten­berg so gro­ßen Zulauf, weil sie tra­di­tio­nell Men­schen aus den unte­ren Schich­ten anspricht. Öster­rei­che­rIn­nen der unte­ren sozia­len Schich­ten sind ver­un­si­chert und haben Angst etwas zu ver­lie­ren, nicht zuletzt auch auf­grund der Glo­ba­li­sie­rung und Ent­so­li­da­ri­sie­rung. Die FPÖ-Bot­schaft, dass „die Aus­län­der schuld sind“, kommt bei ihnen gut an.

Wären Sie für ein Ausländerwahlrecht?

Kalay­ci: Ja. Es gibt ja schon jetzt zwei Klas­sen von Aus­län­de­rIn­nen. EU-Bür­ge­rIn­nen dür­fen nach fünf Jah­ren Auf­ent­halt in Öster­reich auf kom­mu­na­ler Ebe­ne wäh­len. Bür­ge­rIn­nen aus so genann­ten Dritt-Staa­ten nicht. Ich wäre dafür, dass auch die­se nach fünf Jah­ren wäh­len und das heißt mit­be­stim­men dür­fen. In den skan­di­na­vi­schen Län­dern ist das längst gang und gäbe.

Da höre ich schon rech­te Krei­se mah­nen: Die „Tür­ken“ wer­den uns über­rol­len. Sie bekom­men so vie­le Kin­der, eines Tages dik­tie­ren sie dann, was in die­sem Land zu gesche­hen hat…

Kalay­ci: Stu­di­en haben erge­ben: Je höher die Bil­dung und das Ein­kom­men, des­to weni­ger Kin­der! Also: Wenn man Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund den Auf­stieg in Öster­reich ermög­licht, wer­den sie ers­tens aus den Ghet­tos weg­zie­hen und zwei­tens weni­ger Kin­der bekom­men. Das wür­de die Inte­gra­ti­on erleichtern.

Nun zur Moschee-Debat­te in Bad Vös­lau. Wel­che Rol­le spielt der Islam, spielt Reli­gi­on in Integrationsfragen?

Kalay­ci: Ich sel­ber bin nicht reli­gi­ös. Ich gehe trotz­dem in die Moschee, oder in einen Gebets­raum oder ein Kul­tur­zen­trum. Ein­fach um Men­schen aus mei­nem Kul­tur­kreis zu tref­fen oder Deutsch­kur­se abzu­hal­ten. Moscheen, oder wie immer man dazu sagen will, die­nen nicht nur dem Glau­ben, son­dern auch der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ein sol­cher Raum ist wich­tig. Dass für jun­ge Tür­kIn­nen die Reli­gi­on mehr Rol­le spielt als für Öster­rei­che­rIn­nen, ist eher ein psy­cho­so­zia­les Pro­blem. Wenn man in die­ser Gesell­schaft hier nicht ankom­men kann, weil es kei­ne Anknüp­fungs­punk­te gibt, weil man ange­fein­det wird, sucht man eine ande­re Grup­pe – und da bie­ten sich eben reli­giö­se Grup­pen an.

Wie ste­hen Sie zur reli­giö­sen Sym­bo­lik – Mina­ret­te oder Kopftuch?

Kalay­ci: Das Sicht­bar-Wer­den ist das Pro­blem, vor allem für Inlän­de­rIn­nen, die sich in ihrer sozia­len Exis­tenz bedroht füh­len, die Angst um ihren Arbeits­platz, ihr Ein­kom­men oder ihre Zukunft haben. Die­se Ängs­te müss­te man ana­ly­sie­ren. Mit Ver­bo­ten der reli­giö­sen Sym­bo­lik wird man nichts errei­chen. Der Lösungs­an­satz liegt im sozia­len Bereich.

In Bad Vös­lau befasst man sich der­zeit inten­siv mit Inte­gra­ti­on. Was kann man auf kom­mu­na­ler Ebe­ne kon­kret tun?

Kalay­ci: Punkt Eins ist das Ernst-Neh­men. Man muss auch die Fra­ge stel­len: Wohin sol­len sich Migran­tIn­nen inte­grie­ren? Es gibt auch in der so genann­ten öster­rei­chi­schen Kul­tur so vie­le Ver­schie­den­hei­ten. Es gibt die Punks, die Arbei­ter, die sozia­len Auf­stei­ger, die Häusl­bau­er und so weiter.

Punkt Zwei ist: Man muss Aus­län­de­rIn­nen Anknüp­fungs­punk­te bie­ten – etwa im Ver­eins­we­sen. Man braucht Kon­takt­per­so­nen zu den ver­schie­de­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen. Bei­spiels­wei­se habe ich beim Leobers­dor­fer Pfingst­fest vori­ges Jahr eine tür­ki­sche Fuß­ball­mann­schaft zum Jux-Tur­nier ange­mel­det. Sie wur­de sogar Zweite.

Punkt Drei: Man braucht inter­kul­tu­rel­le Mit­ar­bei­te­rIn­nen, die den Dia­log in Gang brin­gen und auf­recht hal­ten. Men­schen mit Aus­bil­dung und Erfahrung.

Punkt Vier: Man braucht Geld. Mir ist es in Leobers­dorf lei­der nicht gelun­gen, im Bud­get 10.000 Euro für Inte­gra­ti­ons­maß­nah­men zu verankern.

War­um gilt Leobers­dorf inzwi­schen im Land trotz­dem als Integrations-Vorbildgemeinde?

Kalay­ci: Ich habe Deutsch­kur­se für Migran­tIn­nen orga­ni­siert, spe­zi­ell für Frau­en und Kin­der. Ich hal­te Kon­takt zu den Schu­len. Mitt­ler­wei­le ist es uns gelun­gen, drei oder vier tür­ki­sche Volks­schul­kin­der ins Gym­na­si­um zu brin­gen. Auch bin ich ein Gemein­de­rat mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Ich bin für die tür­ki­schen Jugend­li­chen eine Art Vor­bild: ein Tür­ke, der mit sei­nen Eltern und drei Schwes­tern im „Leobers­dor­fer Tür­ken­vier­tel“ in einem Zim­mer mit Koch­ni­sche und Klo am Gang auf­ge­wach­sen ist. Und heu­te stu­die­re ich, wie auch mei­ne Schwes­ter. Man kann es schaf­fen, eine sol­che Per­spek­ti­ve ist wich­tig. Die Wohn­si­tua­ti­on hat sich dank Bür­ger­meis­ter Bosch sehr ver­bes­sert, das stimmt. Es stimmt aber auch, dass Süd­bahn­stra­ße und Arbei­ter­gas­se noch immer ein Ghet­to sind, und dass Inte­gra­ti­on nicht auf­hö­ren darf, wenn der Wohn­bau abge­schlos­sen ist. Inte­gra­ti­on hört nie auf, weil sie ein gesell­schaft­li­cher Pro­zess ist, und weil sich die Gesell­schaft in einem ste­ti­gen Wan­del befindet.

Sie waren auch in die Erstel­lung eines Inte­gra­ti­ons-Leit­bil­des für das Land Nie­der­ös­ter­reich ein­ge­bun­den. Wie kann die „hohe Poli­tik“ kom­mu­na­le Inte­gra­ti­ons­pro­gram­me erleichtern?

Kalay­ci: Das Land kann Vor­bild sein. Es hat 30.000 Bediens­te­te, aber davon sind nur 2,3 % Aus­län­de­rIn­nen, und von denen auch wie­der zwei Drit­tel im Putz­dienst. In Nie­der­ös­ter­reich gibt es aber 11 Pro­zent Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. In ganz Öster­reich sogar ein Fünf­tel. Also die Ver­an­ke­rung sol­cher Men­schen in Behör­den, poli­ti­schen Funk­tio­nen usw. ist not­wen­dig. Öster­reich ist ein Ein­wan­de­rungs­land, das zeigt auch der neu­lich von der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten prä­sen­tier­te Zwei­te Öster­rei­chi­sche Migra­ti­ons- und Inte­gra­ti­ons­be­richt deut­lich. Und damit muss man umge­hen lernen.

Das Land kann bzw. muss den Gemein­den Hil­fe anbie­ten, in Form von bezahl­tem inter­kul­tu­rel­lem Per­so­nal, in Form von Förderungen.

2 Gedanken zu „Integration ja, aber wie?

  1. Herr Kalay­ci spricht von „er sei eine Art Vor­bild für tür­ki­sche Jugendliche“
    Zum Einen soll­te er, bevor er sol­che Über­heb­lich­kei­ten aus­spricht“, mit den Jugend­li­chen spre­chen. Trifft so sicher nicht zu, wie wäre es sonst zu erklä­ren, dass die Akzep­tanz der Grü­nen sinkt, vor allem bei tür­kisch­stäm­mi­gen Jugendlichen.

    Zum Ande­ren zeigt, er ver­tei­digt aus­schließ­lich die Zuwan­de­rung und Inte­gra­ti­on aus der Tür­kei, dass es damit wohl Pro­ble­me gibt, die es bei der Inte­gra­ti­on ande­rer Kul­tu­ren offen­bar nicht gibt.

    mfg.Koller-Jäger Johann

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