Schnitzler und Bernhard in Reichenau

Thal­hof 2007: Schnitz­ler „Die Gefährtin“
v.l.n.r.: Vol­ker Lipp­mann, Chris­ti­ne Som­mer, Chris­ti­an Nisslmüller
© Bar­ba­ra Palffy

Nach der sehr erfolg­rei­chen Jubi­lä­ums­sai­son des Jah­res 2007 setzt die Autorin und Regis­seu­rin Hel­ga David in die­sem Som­mer ihre Arbeit am Thal­hof mit dem Ana­tolzy­klus „Epi­so­de“, „Weih­nachts­ein­käu­fe“ und „Ana­tols Hoch­zeits­mor­gen“ fort und bleibt ihrem Mar­ken­zei­chen treu, am Ori­gi­nal­schau­platz Thal­hof eine beson­de­re Art der Schnitz­ler-Spiel­kul­tur zu pfle­gen.

Dass der Thal­hof, des­sen nost­al­gi­scher Zau­ber man­cher Thea­ter­auf­füh­rung Magie ver­leiht, auch eine ganz ande­re Ver­gan­gen­heit hat, will Hel­ga David anhand Tho­mas Bern­hards Stück „Vor dem Ruhe­stand“ beleuchten. 

Hel­ga David: „Knapp vor Kriegs­en­de ließ eine klei­ne Grup­pe von orts­kun­di­gen Nazis vor allem Frau­en aus Rei­chen­au und der Umge­bung wegen „Wehr­kraft­zer­set­zung und Vater­lands­ver­rat“ hin­rich­ten. Zwei die­ser Frau­en kamen vom Thal­hof. Ger­tru­de und Olga Waiss­nix, enge Ver­wand­te des jet­zi­gen Besit­zers, wur­den 26- und 28-jäh­rig ermor­det. Der Aus­lö­ser für Tho­mas Bern­hard das Stück „Vor dem Ruhe­stand“ zu schrei­ben, basiert auf einer tat­säch­li­chen, bei­na­he ver­wand­ten Bege­ben­heit: Fil­bin­ger, im Nach­kriegs­deutsch­land Minis­ter­prä­si­dent von Baden-Würt­tem­berg – hat­te als Gerichts­prä­si­dent in Hit­ler­deutsch­land Todes­ur­tei­le gegen jun­ge „Wehr­kraft­zer­set­zer“ unter­schrie­ben, die buch­stäb­lich in letz­ter Minu­te vor dem Kriegs­en­de voll­streckt wurden.“ 

Arthur Schnitz­ler – aus dem Anatolzyklus

„Epi­so­de“, „Weih­nachts­ein­käu­fe“, „Ana­tols Hochzeitsmorgen“

Der Prot­ago­nist der ein­zel­nen für sich abge­schlos­se­nen Sze­nen ist ein leicht­sin­ni­ger, melan­cho­li­scher Genie­ßer, ein unbe­stän­di­ger Lieb­ha­ber, dem man die Auf­rich­tig­keit sei­ner jewei­li­gen Gefüh­le nicht abspre­chen kann. Ja, es scheint, als wäre Ana­tol ohne eine Frau gera­de­zu leer und iden­ti­täts­los. Zwei­fel­los zeigt Ana­tol Cha­rak­ter­zü­ge des Dich­ters, doch wäre es ver­fehlt, in dem jun­gen Mann nur ein Selbst­por­trät Schnitz­lers zu sehen. Es wird übri­gens über die Frau­en gespro­chen, mit ihnen gespro­chen wird nicht!

Die Beset­zung: Nach den Erfol­gen im Vor­jahr wer­den „Ana­tol“ und „Max“ wie­der­um von Chris­ti­an Kain­radl und Chris­ti­an Nis­sl­mül­ler gespielt. Chris­ti­ne Som­mer gibt die „Ilo­na“ (Ana­tols Hoch­zeits­mor­gen), Gabrie­la Hüt­ter die „Gabrie­le“ (Weich­nachts­ein­käu­fe) und Doi­na Weber die „Bian­ca“ (Epi­so­de).

Pre­mie­re: 24. Juli 2008, 19.30 Uhr

Fol­ge­vor­stel­lun­gen: 25.–27., 31. Juli, 1.–3., 14.–17., 21.–24. August, jeweils 19.30 Uhr

Zusätz­li­che Nach­mit­tags­vor­stel­lun­gen am 26. Juli., 2., 16. und 23. August, jeweils 15.00 Uhr

Die drei Ein­ak­ter wer­den ohne Pau­se gespielt.

Tho­mas Bern­hard: „Vor dem Ruhe­stand“

Vor dem Hin­ter­grund der düs­te­ren Welt der Waf­fen-SS des zwei­ten Welt­kriegs, deren Mit­glie­der sich im Wahn, etwas Beson­de­res zu sein, gegen die „ande­ren“ abgren­zen, wird – ana­ly­tisch rück­bli­ckend – das Schick­sal drei­er Geschwis­ter aus der Ver­gan­gen­heit in die Gegen­wart geho­ben. Sie sind, frei­wil­lig oder gezwun­gen, auf­ein­an­der angewiesen.

Der Mann, im Krieg SS-Ober­sturm­bann­füh­rer und stell­ver­tre­ten­der Kom­man­dant eines Ver­nich­tungs­la­gers, ist nach Kriegs­en­de für 10 Jah­re unter­ge­taucht, dann aber in sei­nen Juris­ten­be­ruf zurück­ge­kehrt und bis zum Gerichts­prä­si­den­ten auf­ge­stie­gen. Nun steht er vor dem Ruhe­stand, ver­un­si­chert, ob ihn frei von den Ver­pflich­tun­gen des Berufs­all­tags, die Gespens­ter sei­ner Ver­gan­gen­heit nicht ein­ho­len. Wie jedes Jahr ist er dabei – im Gehei­men – den Geburts­tag Himm­lers zu fei­ern. Sei­ne Schwes­ter, von der glei­chen fana­ti­schen Beses­sen­heit geprägt, hat die Fami­lie mit Zähig­keit durch die Jah­re zusam­men­ge­hal­ten. Mit der her­ab­las­sen­den demü­ti­gen­den Arro­ganz der Gesun­den, der Über­le­ge­nen, behan­delt sie ihre älte­re gegen­sätz­lich gear­te­te Schwes­ter, die nach einem Bom­ben­an­griff gelähmt an ihren Roll­stuhl und damit an ihre Geschwis­ter gebun­den ist. Ihr rebel­li­sches Auf­be­geh­ren beschränkt sich zwangs­wei­se auf knap­pe ver­ba­le Aus­ein­an­der­set­zung mit ihrer Schwes­ter und auf hart­nä­cki­ges Schweigen.

Bern­hards bedrän­gen­der Pene­tranz, der zähen Wie­der­ho­lung des Glei­chen, ist der Zuschau­er wehr­los aus­ge­lie­fert, aber gera­de die­se Metho­de lässt die ver­bor­ge­nen Anlie­gen des Dich­ters immer deut­li­cher durch­schim­mern: Das Phä­no­men der fana­ti­schen Beses­sen­heit durch eine Idee, die man als ver­pflich­ten­de Lebens­auf­ga­be begreift, der alles bedin­gungs­los unter­ge­ord­net wird, und das Phä­no­men der geschlos­se­nen Grup­pe, die das drau­ßen von vorn­her­ein als feind­lich wahr­nimmt, gegen das man sich bedin­gungs­los abzu­gren­zen hat.

Ver­ge­gen­wär­tigt man sich die Span­nungs­fel­der des Welt­ge­sche­hens der letz­ten Jahr­zehn­te und der Gegen­wart offen­bart Tho­mas Bern­hards Stück „Vor dem Ruhe­stand“ eine gera­de­zu gespens­ti­sche Aktualität.

Die Beset­zung: Vol­ker Lipp­mann – Gerichts­prä­si­dent Höl­ler; Doi­na Weber – Vera; Rosi Waiss­nix – Klara.

Pre­mie­re: 7. August 2008, 19.30 Uhr

Fol­ge­vor­stel­lun­gen: 8.–10., 28.–31. August, 4.–7. Sep­tem­ber, jeweils 19.30 Uhr

Zusätz­li­che Nach­mit­tags­vor­stel­lun­gen am 9. und 30. August, jeweils 15.00 Uhr

Christine Sommer liest „Fräulein Else“

„Fräu­lein Else“, ent­stan­den 1924, gehört ihrer psy­chi­schen Kon­sti­tu­ti­on nach in die Nach­kriegs­zeit, die beweg­ten Zwan­zi­ger­jah­re, die von zwie­späl­ti­gen Moral­vor­stel­lun­gen geprägt waren. Die Gren­zen zwi­schen „genia­len“ wirt­schaft­li­chen Trans­ak­tio­nen und ver­bre­che­ri­scher Mani­pu­la­ti­on ver­schwim­men und ver­lei­hen der Erzäh­lung eine gera­de­zu gespens­ti­sche Aktualität.

Das Gesche­hen die­ser Erzäh­lung voll­zieht sich – ähn­lich dem des 20 Jah­re frü­her ent­stan­de­nen „Leut­nant Gustl“ – bin­nen weni­ger Stun­den, auch hier hat der Autor den inne­ren Mono­log gewählt, den ledig­lich Äuße­run­gen ande­rer Per­so­nen unter­bre­chen – ohne indes­sen den Gedan­ken­strom Elses auch nur für Sekun­den abrei­ßen zu lassen.

Die hüb­sche Toch­ter aus gutem, aber finan­zi­ell deso­la­tem Haus, kennt die fata­le Situa­ti­on ihres Eltern­hau­ses und stellt fest, daß sie nichts hat als ihre Schön­heit, sie genießt es, ein­ge­la­den von rei­chen Ver­wand­ten, in einem „bes­se­ren“ Hotel zu woh­nen. Begabt mit leb­haf­ter Fan­ta­sie schwankt ihre See­len­la­ge zwi­schen Zukunfts­träu­men und der nüch­ter­nen, wenig erfreu­li­chen Rea­li­tät. Ein Eil­brief der Mut­ter for­dert Else auf, umge­hend drei­ßig­tau­send Gul­den von dem rei­chen Kunst­händ­ler Dors­day zu erbit­ten, sonst dro­he der Fami­lie der end­gül­ti­ge Ruin. Dors­day, der im sel­ben Hotel wie Else Urlaub macht, ist bereit, Else die Sum­me zu geben, frei­lich unter einer Bedin­gung – einer, die bei einem älte­ren Lebe­mann, der gewohnt ist mit schö­nen Din­gen Han­del zu trei­ben, nicht über­rascht. Er will Else die gefor­der­ten 30.000 Gul­den geben, wenn er sie nackt sehen darf. Die ein­deu­ti­ge Bedin­gung Dors­days und das elter­li­che Ansin­nen lösen in der jun­gen Frau eine Sturz­flut wider­sprüch­li­cher Gefüh­le aus.

Die Sehn­sucht nach schran­ken­lo­ser sinn­li­cher Erfül­lung, schon län­ger in ihren Träu­men gegen­wär­tig, über­la­gert sich mit der Vor­stel­lung einer ent­wür­di­gen­den Käuf­lich­keit. In schwin­del­erre­gen­dem Tem­po schwankt Else von einem Extrem ins ande­re, immer stär­ker wird ihr Han­deln durch Impul­se gelenkt, die im Unbe­wuß­ten ver­wur­zelt sind. Wie­viel von innen gesteu­er­ter Zwang ist, wie­viel bewuß­te Insze­nie­rung, ist schwer zu unter­schei­den – schließ­lich fällt sie in einen ohn­macht­ähn­li­chen Zustand und greift nach Vero­nal, in ihrer Tie­fe gespal­ten zwi­schen Empö­rung und Opfer­be­reit­schaft für ihren Vater, den sie zugleich haßt und liebt, sieht sie kei­nen ande­ren Aus­weg. Else ist den Umgang mit den „lie­ben Pul­vern“ gewöhnt, hat auch Erfah­rung mit Mari­hua­na – sie kennt ihre pro­blem­ver­drän­gen­de Wirkung.

Der Arzt Schnitz­ler läßt sie gewis­sen­haft zäh­len, wie­viel Pul­ver sie im Glas auf­löst: sechs sind es. Eine Dosis, die eine jun­ge Frau, die Ten­nis spielt, nicht töten soll­te. Die tra­di­tio­nel­le Inter­pre­ta­ti­on hat den Aus­gang den­noch als tra­gi­schen gedeu­tet. Die Deu­tung heu­te läßt das Ende in der Schwe­be, was der Welt­sicht Schnitz­lers wohl eher ent­spricht. Else glaubt, ehe sie das Bewußt­sein ver­liert, zu flie­gen. Doch „ein Engel ist Else nicht – eher schon ein Biest“ meint einer der bedeu­tends­ten Ger­ma­nis­ten unse­rer Tage. Der Zuschau­er mag selbst ent­schei­den – und will er, kann er Schnitz­ler ver­ständ­nis­voll zwin­kern sehen.

In der Dar­stel­lung der inne­ren Wirk­lich­keit der See­le ist Fräu­lein Else ein Meis­ter­werk. „So habe ich den Ein­druck gewon­nen“ schreibt Sig­mund Freud 1926 an Arthur Schnitz­ler „daß Sie durch Intui­ti­on – eigent­lich aber in Fol­ge fei­ner Selbst­wahr­neh­mung all das wis­sen, was ich in müh­sa­mer Arbeit an ande­ren Men­schen auf­ge­deckt habe.“

Termine: Sonntag, 3. August 2008, 11.00 Uhr & Sonntag, 24. August 2008, 11.00 Uhr

Ort: Ball­saal des Thal­hof in Reichenau/Rax.

All­ge­mei­ne Kar­ten­re­ser­vie­rung unter: 0664–37 88 725; 

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