„Diese Täter sind unreif!“

Dr. Irm­traud Ram­s­tor­fer ist Psy­cho­lo­gin und Psy­cho­the­ra­peu­tin in Baden

Was geht prin­zi­pi­ell in Män­nern vor, die sich an ihren Kin­dern ver­ge­hen? Wo sehen Sie die mög­li­chen psy­cho­lo­gi­schen Ursa­chen für sol­che Taten?

Meist han­delt es sich um Men­schen mit unrei­fer Per­sön­lich­keit, die ihre Sexua­li­tät nicht mit eben­bür­ti­gen Part­ne­rin­nen leben kön­nen. Über­höh­te Macht­an­sprü­che spie­len eben­falls eine gro­ße Rolle.

Gibt es auch gesell­schaft­li­che Ursachen?

Jun­ge Men­schen haben wenig Chan­cen, Ihre Sexua­li­tät in einem Ihrem Alter ent­spre­chen­den Tem­po zu ent­wi­ckeln, sie wer­den früh mit über­flu­ten­den Rei­zen kon­fron­tiert, auch gibt es kaum mehr Bar­rie­ren im Zugang zu Por­no­gra­phie. Sie müs­sen auch immer frü­her „erwach­sen“ wer­den und dazu gehö­ren natür­lich auch sexu­el­le Erfah­run­gen, für die die jugend­li­che See­le oft noch gar nicht bereit ist.

Die (angeb­li­che) sexu­el­le Frei­heit unse­rer Gesell­schaft führt zu einem Ver­schwim­men der Gren­zen zwi­schen den Vor­lie­ben des Ein­zel­nen und kri­mi­nel­len Hand­lun­gen, wie am Bei­spiel Kin­der­por­no­gra­phie deut­lich wird.

Wie kann es zu einer der­ar­ti­gen Eska­la­ti­on wie in Amstet­ten kommen?

Die­ser Fra­ge ste­hen wir alle in der Art eines kol­lek­ti­ven Trau­mas fas­sungs­los gegen­über. Das Wesen von Trau­ma­ta ist, dass etwas pas­siert, von dem wir nicht anneh­men, dass es pas­sie­ren kann.

War­um ist Prä­ven­ti­on so schwie­rig? Wo gibt es Verbesserungsmöglichkeiten?

Sol­che Ereig­nis­se hat und wird es immer geben. Sie haben aller­dings auch immer einen Lern­ef­fekt, wie z.B. geplan­te poli­ti­sche Maß­nah­men zei­gen ( z.B. DNA Tests, bes­se­re Erfas­sung von Sexu­al­straf­tä­tern, u.v.m.) Wir kön­nen unser Gefühl, unse­re Beob­ach­tungs­ga­be schär­fen, sen­si­bler wer­den im Umgang mit Gren­zen, muti­ger sein im Wahr­neh­men und Anspre­chen von Ver­dachts­mo­men­ten, in Auf­klä­rung inves­tie­ren, in Wor­ten und vor allem in Hand­lun­gen gute Vor­bil­der sein.

Soll man jetzt jede ver­däch­ti­ge Beob­ach­tung, jedes ungu­te Gefühl mel­den – und vor allem bei wem? Ist die Poli­zei der rich­ti­ge Ansprech­part­ner? Geht das nicht in Rich­tung „Ver­na­de­rer-Wesen“?

Zunächst könn­ten sol­che Wahr­neh­mun­gen mit einer ver­trau­ten Per­son bespro­chen wer­den, auch Bera­tun­gen bei ein­schlä­gi­gen Bera­tungs­stel­len ( z.B. Möwe) sind mög­lich. Soll­te sich der Ver­dacht erhär­ten sind auch anony­me Anzei­gen ein Weg auf Pro­ble­me auf­merk­sam zu machen. Jeder Anzei­ge muss kon­se­quent und gewis­sen­haft nach­ge­gan­gen wer­den. Das kann für die Betrof­fe­nen sehr unan­ge­nehm, aber auch lebens­ret­tend sein.

Sind schär­fe­re Stra­fen sinnvoll/abschreckend? Ist The­ra­pie eine wirk­li­che Alternative?

Jeder Miss­brau­cher weiß um die Unge­setz­lich­keit sei­nes Han­delns und setzt meist sein kri­mi­nel­les Tun wei­ter­hin fort, die Rück­fall­quo­ten sind hoch. Dem­nach wer­den höhe­re Stra­fen wohl kaum Ver­bes­se­run­gen brin­gen. The­ra­pie (meist im Zwangs­kon­text!) kann Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung för­dern aber auch eine Art beglei­ten­de und beschüt­zen­de Instanz darstellen.

Glau­ben Sie, dass sexu­el­le Über­grif­fe in der gesell­schaft­li­chen Mei­nung immer noch ein Kava­liers­de­likt sind? 

Das kommt wohl auf den spe­zi­el­len Fall an, kaum jemand wird das schreck­li­che Gesche­hen von Amstet­ten als Kava­liers­de­likt bezeich­nen. Im Bereich atmo­sphä­ri­schen Miss­brauchs (z.B. voy­eu­ris­ti­sches Beob­ach­ten, ver­ba­le Über­grif­fe, zwei­deu­ti­ge Berüh­run­gen, u. ähnl.) dif­fe­rie­ren die Mei­nun­gen sehr wohl.

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