Rot, wei, schwarz

johannadohnal

Eigent­lich soll­te ich heu­te das Bett hten. Aber irgend­was lie mich nicht ruhen. Ich woll­te zu sehr dabei sein bei der Trau­er­fei­er fr Johan­na Dohnal.

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Also ent­schliee ich mich spon­tan.  Die Frau­en wol­len sich ab 13 Uhr am Zen­tral­fried­hof bei Tor 2 tref­fen, nahe der Feu­er­hal­le, in den Signal­far­ben rot-schwarz-wei geklei­det. Ich war noch nie dort.

Ohne Han­dy (daheim in der Eile ver­ges­sen), ohne GPS und ohne Plan fah­re ich los. Irgend­wie kom­me ich hin. Par­ke mein Auto lei­der nicht bei Tor 2 son­dern bei Tor 4. Bis 14 Uhr ist noch etwas Zeit. Ein Fum­arsch durch den Fried­hof wird mei­ner Ver­khlung nicht scha­den, den­ke ich. Grie­chi­sche Musik im MP3-Play­er, mar­schie­re ich los.

Bald fhle ich mich wie eine ver­lo­re­ne See­le auf die­sem Fried­hof. Vor mir im begin­nen­den Schnee­gest­ber taucht eine Frau­en­gestalt auf, ganz in rot-schwarz-wei geklei­det. „Die Frau­en-Signal­far­ben,“ den­ke ich. „Die will bestimmt auch zur Dohnal-Fei­er“. Ich hef­te mich an ihre Fer­sen. Doch auch sie ist offen­bar ver­lo­ren. Kei­ne Ver­samm­lung weit und breit.

„Wol­len Sie auch zur Dohnal?“ rede ich sie an.
„Ja, ich dach­te, das muss hier irgend­wo sein, in der Nhe vom Grab der Rosa Joch­mann,“ sagt die Frau zu mir.
„Nein“, sage ich. „Die Fei­er ist in der Feu­er­hal­le. Aber wo ist die Feu­er­hal­le?“
Die Frau zuckt nur die Ach­seln. Ich ent­de­cke in einem Schau­kas­ten einen Plan. Nun wis­sen wir, wo wir hin mssen.

10 Minu­ten Fuweg. 10 Minu­ten Zeit, ber Johan­na zu reden. War­um sie wich­tig war. Immer sein wird.
10 Minu­ten Zeit, ein­an­der nher­zu­kom­men.
„Ich habe Sie nur des­halb ange­re­det, weil ich gese­hen habe, dass Sie die Signal­far­ben Rot-Schwarz-Wei tra­gen. Rote Hose, schwar­zer Man­tel, schwarz-wei­er Schal. Die Signal­far­ben der auto­no­men Frau­en,“ sage ich zu mei­ner Bekannt­schaft.
„Ach, das wuss­te ich nicht,“ ant­wor­tet sie lchelnd. „Ich hab mich nicht extra so ange­zo­gen“.

Wir ken­nen uns nicht, aber wir lachen. Ich erzh­le von mei­ner Ver­khlung und dass ich eigent­lich daheim blei­ben woll­te. Mei­ne Nase rinnt.
„Man soll­te nicht mit Schnup­fen auf ein Begrb­nis gehen, und kein ein­zi­ges Taschen­tuch dabei haben,“ lache ich.
Die Frau schenkt mir zwei Taschent­cher. Sie lsst mich raten, aus wel­chem Land sie ursprn­glich kommt.

Als wir bei der Feu­er­hal­le ankom­men, hat die Fei­er schon begon­nen. Eine Grup­pe rot-schwarz-wei geklei­de­ter Frau­en hlt ein Trans­pa­rent. „Adieu, Johan­na“, steht dar­auf. Auf die Videow­all im Frei­en wer­den Reden und Musik bertra­gen. Ich rei­he mich mit mei­ner Fried­hofs­be­kannt­schaft ein in die Schlan­ge derer, die sich ins Kon­do­lenz­buch ein­tra­gen wol­len.

Wir ste­hen neben­ein­an­der als htten wir schon seit Tagen die Absicht gehabt, gemein­sam an die­ser Fei­er teil­zu­neh­men. Und ken­nen doch nicht mal unse­re Namen. Wir verstndi­gen uns fls­ternd und mit Bli­cken.
Ich deu­te ihr mit den Augen „Gehen wir hin­ein in die Feu­er­hal­le?“ Sie folgt mir, ich bah­ne uns einen Weg durch die Men­ge. Wir hren die Reden von Rena­te Brau­ner, Gabrie­le Hei­nisch-Hosek, Bar­ba­ra Pram­mer, Wer­ner Fay­mann – und die schne Stim­me von Eli­sa­beth Orth, die lite­ra­ri­sche Tex­te liest.

Am Ende muss ich wei­nen, als die Grup­pe Air­play (ein wun­der­ba­res Frau­en-Saxo­fon-Quar­tett) das „Lied der Arbeit“ spielt und die Men­schen lei­se mit­sin­gen. Als wrden sie gemein­sam Johan­na Dohnals See­le tra­gen.

Mei­ne „Begeg­nung“ schenkt mir ein gan­zes Pck­chen Taschent­cher.
„Ich habe noch genug davon,“ lchelt sie wie­der. „Ohne Sie htte ich mich viel­leicht nicht getraut, in die Hal­le rein­zu­ge­hen.“
Drau­en foto­gra­fie­ren wir uns noch gegen­sei­tig – dann bekom­me ich ihre E‑Mail-Adres­se. Wir best­ti­gen uns gegen­sei­tig, dass wir das Gef­hl haben, uns unter beson­de­ren Umstnden begeg­net zu sein und einen beson­de­ren Moment erlebt zu haben.

Im Hin­ter­grund sin­gen die auto­no­men Frau­en Bel­la Ciao. Dan­ke, Johan­na, fr einen schnen Trau­er­nach­mit­tag.

[mygal=dohnal]

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