reiseblog sardinien – tag 4: volksfesthype im bergdorf

Kas­ta­ni­en­fest im Berg­dorf Arit­zo: Das Dorf zu klein, das Fest zu gro. Was dabei pas­sie­ren kann, habe ich haut­nah mit­er­lebt – irr­sinn…

Schi­roc­co: Es ist Schi­roc­co, der bringt Regen, sagt am Mor­gen die Hotel­wir­tin. Der Schi­roc­co kommt aus der Wste. Warm ist er auch, die­ser Wind. Um 9 Uhr mor­gens hat es hier am 31. Okto­ber auf immer­hin 600 Metern Hhe schon 15 Grad. Eine etwas grau­er, nebel­ver­han­ge­ner Tag. Aber noch kein Regen. Der Wind scht­telt ber­rei­fe Ess­kas­ta­ni­en von den Bumen, die im gel­ben Herbst­laub ste­hen. Eine davon trifft die Wind­schutz­schei­be mei­nes Miet­au­tos. Ich den­ke sofort an die 1300 Euro Selbst­be­halt, aber zum Glck ist kein Scha­den sicht­bar.

Maro­ni: In Mas­sen lie­gen die Kas­ta­ni­en, Maro­ni wrde man bei uns sagen, am Stra­en­rand und in den Wldern. Das gefllt vie­len Leu­ten. An die­sem Sonn­tag schwr­men sie scha­ren­wei­se aus, um die Maro­nis ein­zu­sam­meln. Auch dicke Alfa Rome­os par­ken am Stra­en­rand.

Schwei­ne: Die Maro­ni sind nicht nur bei den Men­schen beliebt. So vie­le Schwei­ne wie an die­sem einen Tag habe ich schon eine Ewig­keit nicht mehr gese­hen. Und dann noch Wild­schwei­ne, in allen mgli­chen Gren. Bald erken­ne ich die wsten Spu­ren, die sie hin­ter­las­sen. Sie whlen die Erde auf, die Maro­ni schme­cken ihnen auch. Auch ein schwarz-wei gescheck­tes Glcks­schwein ist dabei. Ich will es ger­ne foto­gra­fie­ren, aber es schaut nicht her.

Volks­fest­hype: Und dann bin ich nach meh­re­ren kur­zen Irr­fahr­ten, Ser­pen­ti­nen rauf und run­ter am Ziel des heu­ti­gen Tages: Am Kas­ta­ni­en­fest in Arit­zo, einem Dorf mit­ten in den Ber­gen. Sagra de cas­ta­nia so heit es es hier. Und was pas­sie­ren kann, wenn in einem klei­nen unzugng­li­chen Bergorf ein viel zu groes Fest statt­fin­det, das Tou­ris­tIn­nen wie mich, vor allem aber auch Ein­hei­mi­sche von der gan­zen Insel anlockt, sehe ich vor mir: Fnf Kilo­me­ter vor dem Dorf ist die schma­le Berg­strae an bei­den Sei­ten zuge­parkt, wo all die­se Autos und Bus­se her­kom­men, und wann sie wohl gekom­men sind…Das Fest selbst ist eine Art Kir­tag, ich bekom­me einen guten ber­blick ber sar­di­sche Spe­zia­lit­ten: neben Maro­nis, die kilo­wei­se ver­kauft wer­den, gibt es wrzi­gen Kse, Schin­ken und Wrs­te, klei­ne Span­fer­kerl und Aale von der Kste, Oli­ven­le, Honig und Tor­ro­ne. Haupt­sa­che s oder def­tig, das scheint das Mot­to zu sein. Und spricht mich durch­aus an, was sich spter auch in der Schwe­re des Ruck­sa­ckes aus­drcken wird. Er wird mit Honig von einer Frucht, die angeb­lich nur hier wchst (und die ich ges­tern sogar selbst gese­hen habe), wrzi­gem Kse und fet­ten Wrs­ten gefllt. Im Cen­tro von Arit­zo will sich ein Umzug mit ver­schie­de­nen Folk­lo­re­tanz­grup­pen in den Trach­ten der ver­schie­de­nen sar­di­schen Regio­nen for­mie­ren. Der Umzug muss abge­bro­chen wer­den, es ist kein geord­ne­tes Durch­kom­men gegen die Men­schen­mas­sen. Auf einer Bhne am Dorf­platz tre­ten die Grup­pen dann auf die sar­di­sche Musik ist ein bichen wie die Men­schen, unzugng­lich. Manch­mal erzh­len die Tnze auch offen­bar Geschich­ten, so wie ein Hoch­zeits­tanz, bei dem es um die Ver­kupp­lung von sechs Mnn­lein und Weib­lein geht, wo schau­spie­le­ri­sches Talent gefragt ist und wo das Publi­kum vor Begeis­te­rung vllig auer Rand und Band gert. Es wird schon dun­kel und ich will zurck nach Caglia­ri. Doch so ein­fach ist das nicht…

Stress: …denn das­sel­be den­ken sich hun­der­te Auto­fah­rer zur sel­ben Zeit. Die Fol­ge ist ein Mas­sen­stau. Ich ent­schei­de mich, in die Rich­tung davon­zu­fah­ren, in der es weni­ger staut. Also nach Nor­den statt nach Sden. Ich will weg von den kur­vi­gen Berg­stra­en mit ihren Schlag­l­chern und der immer schwr­zer wer­den­den Nacht. Irgend­wann bin ich auf einer Art Auto­bahn oder Schnell­strae. 170 Kilo­me­ter nach Caglia­ri. Eine g’mah­te Wies’n wre das daheim. Nicht so hier. Ich traue mich auf nicht mehr als 80 km/h und wer­de von hys­te­ri­schen Alfa Rome­os und Audis ber­holt, die mich vor­her noch mit dem Fern­licht anhu­pen. Ich spre, dass ich im Nor­den von Sar­di­ni­en bin, dem Domi­zil der Obe­ren Fnf­tau­send. Fast nur dicke fet­te Autos ber­ho­len mich. Sonst sind kaum wel­che unter­wegs. Zur welt­berhm­ten Cos­ta Sme­ral­da und ihrer Welt der Schnen und Rei­chen ist es von hier nur noch 50 Kilo­me­ter. Doch auch sonst ist die so genann­te Superstra­da ein Stress­fak­tor Num­mer Eins. Da gibt es ohne jede Vor­war­nun­gen pltz­lich kei­ne Leit­li­ni­en, die Pan­nen­strei­fen feh­len sowie­so, ein­mal erschreckt mich ein wei­er Hund am Stra­en­rand und die Beschil­de­rung ist wie auch sonst in Sar­di­ni­en ein rela­ti­ves Han­dy­cap. Da mer­ke ich, dass ich doch nicht HiER zuhau­se bin… Erleich­tert gebe ich mein Auto unbesch­digt am Flug­ha­fen ab (nicht ohne vor­her beim Ver­such im Self­ser­vice voll­zu­tan­ken geschei­tert zu sein, weil ich den Tank­de­ckel nicht ffnen konn­te wahr­schein­lich elek­tro­nisch gesteu­ert…:-)) und freue mich schon auf ein Glas Rot­wein. Nein, nicht auf ein Glas, auf min­des­tens eine hal­be Fla­sche.

Als ich im Zen­trum von Caglia­ri aus dem Flug­ha­fen­bus stei­ge, weht mir der Schi­roc­co ins Gesicht: um 22 Uhr abends hat es 20 Grad.

31. Okto­ber, in der Berg­welt der Bar­ba­gia (Lan­co­ni, Fon­ni, Arit­zo)

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