Gertraud Klemm ber ihren neuen Roman „Herzmilch“

Im Inter­view spricht die Pfaffstt­t­ne­rin Ger­traud Klemm ber ihren im Frhjahr 2014 bei Dro­schl erschie­ne­nen Roman „Herz­milch“

Ger­traud Klemm, als Sie 2005 Ihren Beruf als Bio­lo­gin auf­ga­ben, hat­ten Sie ein erklr­tes Ziel: einen anspruchs­vol­len, humor­vol­len und femi­nis­ti­schen Roman zu schrei­ben und in einem guten Ver­lag zu verffent­li­chen. Jetzt ist Herz­milch im renom­mier­ten Lite­ra­tur-Ver­lag Dro­schl da. Sind Sie am Ziel Ihrer Tru­me?

GERTRAUD KLEMM: Natrlich bin ich sehr glck­lich. Aber das heit bei wei­tem nicht, dass ich nun erfllt oder fer­tig bin. Schrei­ben ist mein Beruf. Ich habe immer geschrie­ben, Tage­buch, Erzhlun­gen, Pro­sa-Tex­te, auch sehr viel Mist. An Herz­milch habe ich ber drei Jah­re lang geschrie­ben, von 2009 bis 2012, danach kam die Ver­lags­su­che. Es gab wie immer Absa­gen, aber Dro­schl hat zuge­sagt. Es ist ein Gra­zer Lite­ra­tur Ver­lag, was gut ist, ich ken­ne eini­ge Autorin­nen in Graz, ich mag die Stadt und die Sze­ne dort sehr.

Wie hat sich die Zusam­men­ar­beit mit dem Ver­lags­lek­tor gestal­tet?
Es war viel Arbeit. Rund 100 Sei­ten Text sind wie­der gestri­chen wor­den, zum Bei­spiel alle lyri­schen Pas­sa­gen. Das wre zu viel gewe­sen.

Ihr Stil fllt mir auf als sehr poin­tiert, exakt, ja direkt aus­ge­feilt, sind Sie eine schrei­ben­de Tft­le­rin? Haben Sie einen Plot und ver­fol­gen Sie den akri­bisch? Oder ber­le­gen Sie sehr lan­ge bei den For­mu­lie­run­gen?
Ich habe ver­schie­de­ne Arbeits­me­tho­den pro­biert. Bei Herz­milch hat­te ich natrlich einen Plot, aber es war die Figur, die mich von sich aus in den Text hin­ein­ge­trie­ben und alles umge­wor­fen hat. Am bes­ten kann ich schrei­ben, wenn ich mich drei, vier Tage kom­plett zurck­zie­hen kann. Da kommt es dann erup­tiv, wie von selbst. Ande­re Tei­le wie­der stam­men aus Tageb­chern oder frhe­ren Tex­ten, sind Ver­satzstcke.

Die Ich-Erzh­le­rin erscheint mir als eine unglck­li­che Figur im Zen­trum eines zor­ni­gen Tex­tes und ich erken­ne auch das kleinst­d­ti­sche brger­li­che Milieu von Baden dar­in wie­der.

Natrlich ent­hlt die Geschich­te zum Teil Auto­bio­gra­fi­sches, vor allem zu Beginn. Da wrde ich es als eine Art kol­lek­ti­ve Bio­gra­fie bezeich­nen, bzw. eine Milieu­stu­die einer Umge­bung, die mir sehr ver­traut ist. Doch die Prot­ago­nis­tin wur­de immer selbstndi­ger, sie schei­ter­te zuneh­mend in eine ver­meint­li­che Klein­stadt­i­dyl­le hin­ein. Es kam so weit, dass ich als Autorin ver­zwei­felt ver­sucht habe, sie zu ret­ten. Aber es ist mir nicht gelun­gen. Sie stirbt qua­si im Para­dies ab. All der Zorn, der sich nach auen rich­ten knn­te, implo­diert, whrend sie funk­tio­niert.

Die­ses Schei­tern an einer Gesell­schaft, die Mnnern nahe­zu alles und Frau­en immer noch sehr wenig erlaubt ist das nicht eher post-femi­nis­tisch, qua­si die Retour­kut­sche an die Auf­bruch­be­we­gung der 1980er-Jah­re?

Post­fe­mi­nis­tisch? Ich wrde eher sagen pr-femi­nis­tisch. Also die­ses Buch zeigt, wie­viel Femi­nis­mus es noch brau­chen wrde. Schau­en Sie nur mei­ne Genera­ti­on an, der ja auch die Ich-Erzh­le­rin ent­stammt. Wo sind die Frau­en die­ser Genera­ti­on an den wirk­lich wich­ti­ge Hebeln der Poli­tik, in der Wirt­schaft? Was ist seit Dohnal pas­siert? Die­se Frau­en­gene­ra­ti­on hat viel ver­lo­ren. Und was mich beson­ders betrbt, ist die sprba­re Ableh­nung jun­ger Frau­en auf frhe­re Femi­nis­tin­nen und den Femi­nis­mus im All­ge­mei­nen. Wahl­recht, das Recht auf Bil­dung, Fami­li­en­recht, krper­li­che Selbst­be­stim­mung, Klei­nig­kei­ten wie Recht auf eine eige­ne Kredi­kar­te etc. alles wur­de schwer erkmpft, und die Pro­fi­teu­rin­nen hrt man nie Dan­ke sagen.

Wie sind Sie selbst denn zum Femi­nis­mus gesto­en, im brger­li­chen Baden?
In ers­ter Linie ber Lite­ra­tur, Simo­ne de Beau­voir, Doris Les­sing, Syl­via Plath es war die Lite­ra­tur von Frau­en, die mich zur Fach­li­te­ra­tur gef­hrt haben. Und da war natrlich Bri­git­te Schwai­ger. Ihr Wie kommt das Salz ins Meer? hat mich mit 15 lite­ra­risch geweckt. Sprach­lich wur­de das Buch mei­ne Iko­ne, und inhalt­lich ein Lehrstck an abschre­cken­der Frau­en­bio­gra­fie. Ich bewun­de­re sie sehr, durch eine glck­li­che Fgung stol­per­te sie ber einen Text von mir und so tra­ten wir in Brief­kon­takt. Ihr habe ich auch das Buch Herz­milch gewid­met. Sie wur­de eine Art Men­to­rin, lei­der hat sie sich das Leben genom­men, ehe ich sie ein­mal pers­n­lich ken­nen­ler­nen konn­te.
Spter, als ich als Stu­den­tin in Wien gelebt habe, waren es femi­nis­ti­sche Stu­di­en­kol­le­gin­nen, die mir wei­te­re Denk­ans­te, oft recht pro­vo­kan­te, gelie­fert haben. Die mir alter­na­ti­ve Lebens­mo­del­le auf­ge­zeigt haben. Jetzt ler­ne ich viel von Frau­en die in den 50ern gebo­ren wur­den. Die haben sich noch viel mehr erkmp­fen mssen und oft ein gre­res femi­nis­ti­sches Bewusst­sein als die Frau­en mei­ner Genera­ti­on oder danach.

Ist Herz­milch fr Sie nun ein eher posi­tiv oder nega­tiv besetz­ter Begriff? Im Text beschrei­ben sie sie an einer Stel­le so: Das Herz darf nicht so weich sein, weil sonst die Mnner und die Kin­der das Herz in die Faust neh­men und es drcken. Her­aus kommt die Lie­be, die nie genug sein kann…
Ich glau­be, es kann auf­wer­tend und abwer­tend ver­wen­det wer­den. Es ist eine Meta­pher fr die­se auf­op­fern­de, unbe­zahl­te Lie­be und Zuwen­dung fr Kin­der und Alte, die­ses Selbst­verstnd­li­che. Die­se Lie­be ist wich­tig, kommt aber oft von weib­li­cher Sei­te, was bedeu­tet, dass Frau­en halt neben­bei so schlecht erfolg­reich und unab­kmm­lich sein knnen. Dabei knn­te die­se Zuwen­dung von Mnnern auch kom­men. Mnner, die sich dar­auf ein­las­sen und in Karenz gehen etc. pro­fi­tie­ren laut eige­nen Anga­ben sehr davon. Ich den­ke, es wre ein Gewinn fr die Gesell­schaft, wenn der Altru­is­mus gerech­ter dosiert wre. Um sich auf­zu­op­fern braucht es weder Milch­drsen noch eine Gebrmut­ter.

Die Mnner kom­men nicht gut weg in Ihrem Buch. Beson­ders ein­drck­lich schrei­ben Sie ber Exhi­bi­tio­nis­ten, die ja schier an allen Ecken lauern…Haben Sie eine Wut auf Mnner?
Ich lebe mit 3 Mnnern unter einem Dach Wut auf Mnner wre fatal. Aber ich habe eine Wut auf die Unge­rech­tig­keit, und auf das Sys­tem dahin­ter, das immer neue Schreck­lich­kei­ten her­vor­bringt. Wer sich ein­mal damit anfngt zu beschfti­gen, wird bald mer­ken, dass es nicht mehr igno­rier­bar ist. Der Roman hat sym­pa­thi­sche und unsym­pa­thi­sche Cha­rak­te­re bei­den Geschlechts. Die Text­stel­le mit den Exhi­bi­tio­nis­ten ist ein sehr expli­zi­tes Bei­spiel fr ein Macht­ge­flle, in dem eine Frau in Sekun­den­schnel­le vom Sub­jekt zum Objekt wer­den kann. In mei­nem Leben sind mir sie­ben Exhi­bi­tio­nis­ten begeg­net, der ers­te mit 5, der letz­te vor drei, vier Jah­ren, also mit 40. Ich war immer gleich hilf­los und trau­ma­ti­siert. Wenn es pas­siert, fhlt man sich wie eine Wichs­vor­la­ge. Das ist man ja auch, obwohl ja nichts pas­siert ist. Es wird viel zu wenig dar­ber gespro­chen und geschrie­ben, wie schnell eine Frau zum Objekt wird.

Ihr Text lebt neben den poin­tier­ten For­mu­lie­run­gen auch von extrem genau­en detail­rei­chen Beob­ach­tun­gen. Ich hat­te jeden­falls so man­ches Aha-Erleb­nis.
Autorin sein heit fr mich, zu sam­meln und dabei sehr offen, weich und ver­letz­lich zu sein. Stndig. Das kann sehr anstren­gend sein, weil ich vie­les pers­n­lich neh­men muss und dann aber umschal­ten muss aufs Funk­tio­nie­ren im All­tag und in der Fami­lie. Aber ich ler­ne es immer bes­ser.

Und ist Schrei­ben dann auch eine Art The­ra­pie fr die­se Ver­letz­lich­keit?
Um bei den Exhi­bi­tio­nis­ten zu blei­ben: Wenn ich einem Exhi­bi­tio­nis­ten begeg­ne und ich kann das dann in einem Roman ver­ar­bei­ten, ist es bes­ser, als wenn ich einem Exhi­bi­tio­nis­ten begeg­ne und mir nur die Haa­re rau­fe. Etwas auf Papier brin­gen heit, es ist drau­en und weg von mir; und die Leser­schaft kann dann auch einen Blick dar­auf wer­fen und sich mit mir ekeln. Inso­fern kann es the­ra­peu­tisch sein.

Darf ich noch nach dem neu­en Pro­jekt fra­gen?
Im Herbst 2014 erscheint ein Gedicht­band, der in Zusam­men­ar­beit mit der Male­rin Uta Hein­ecke ent­stan­den ist. Und ich arbei­te an einem Roman, in des­sen Zen­trum eine 58-jhri­ge Frau ste­hen wird, die pltz­lich mit der Sum­me des­sen, was sie alles nicht gemacht hat, kon­fron­tiert wird. Ich stel­le mich dann Fra­gen wie: Was ist, wenn die Kin­der auer Haus sind? Wenn der Mann kein Inter­es­se mehr an ihr hat? Wie wird all die unbe­zahl­te Auf­op­fe­rung sei­tens der Gesell­schaft hono­riert? Was hat sie der Gesell­schaft gege­ben und was kommt zurck? Wie wre das, wenn man mit­ein­an­der alt wird und es viel­leicht gar nicht will?gertraud2

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